Original

19. Juli 1927

Eines Spätnachmittags so gegen sechs stieß ich auf Herrn Grimmberger, während er, die Stockkrücke in beiden Händen und beide Hände auf dem Rücken, in der Großstraße spazieren ging. Er war in tiefes Sinnen versunken. Er ging mitten auf der Straße, und jedesmal, wenn er einem Trambahnwagen oder einem Automobil hatte ausweichen müssen, drehte er sich knurrend herum und schickte dem Ruhestörer feindselige Blicke nach.

„Aha, da sind Sie?“ sagte er nicht sehr freundlich, als ich mich ihm in den Weg stellte.

„Was ist denn Ihnen wieder über die Leber gelaufen?“ tat ich absichtlich aggressiv.

„Kümmern Sie sich um Ihre Leber!“ biß er zurück. „Halten Sie es für eine Leberkrankheit, wenn ein Mensch von heute sich über die Erscheinungen um ihn herum seine Gedanken macht?“

„Worüber machen Sie sich Gedanken? Wo sehen Sie Erscheinungen?“

„Wenn Sie es durchaus wissen wollen: Über den Gesichtsausdruck der Jugend von heute.“

„Gefällt Ihnen der auch schon wieder nicht?“

„Auf das Mirgefallen kommt es nicht an, Herr. Sonst weiß ich nicht, ob wir beide noch sehr oft uns miternander im Austausch von Gedanken ergingen, die Ihrerseits, gestatten Sie die bloße Feststellung, nicht immer zur Herstellung eines immerhin wünschenswerten Gleichgewichtes hinreichen.“

„Und eine mühsame Verdauung haben Sie heute also auch wieder?“

„Nachdem Sie sich über meine Leber und meinen Magen den Kopf zerbrochen haben, möchte ich wissen, welches meiner inneren oder äußeren Organe Ihnen nunmehr zu denken gibt.“

„Schwamm drüber. Also der Gesichtsausdruck der Jugend von heute flößt Ihnen Besorgnis ein?“

„Jawohl, zumeist der männlichen. Das Leben der weiblichen Jugend scheint durch allerhand Äußerlichkeiten, worunter Kopf und Waden die hauptsächlichsten sein dürften, einen Inhalt erhalten zu haben, der es so ziemlich ausfüllt und für Grübeleien keinen Raum läßt. Wohingegen die jungen Männer dem Leben mißtrauisch, unsicher, zurückhaltend, aber hochfahrend und anspruchsvoll gegenüberstehen. Das alles lese ich von ihren Mündern und ihren Augen ab. Es ist der Weltschmerz, wie er sich nach dem Krieg herausbilden mußte, oder was man jeweilig Weltschmerz zu nennen pflegt, auch wenn es mit Schmerz nichts zu tun hat. Mit Welt hat es immer zu tun, denn ein richtiger Zwanziger fühlt in sich, muß in sich fühlen den Drang in die Welt, weniger materiell räumlich, als mit dem dämonischen Expansionsbedürfnis, das der Genius der Gattung in ihn gelegt hat und der keinen Sinn hätte, wenn er Grenzen hätte.

Es gab Zeiten, wo dieses Bedürfnis seine sicheren Brennpunkte fand, wie die Strahlen eines Lichtbildes die weiße Schirmfläche finden, auf der sie zu sichtbarer Wirklichkeit werden. Die Jugend sah ihre Zukunft in festen Umrissen vor sich, und dadurch kam in ihren Blick die Sicherheit, die dem Gesichtsausdruck seinen Stempel aufdrückte.

Die fehlt heute. Die Sehnsucht ist noch da. Der Drang, das Müssen. Aber die Strahlen der Sehnsucht, die Schwingungen des Drängens und Müssens gehen ins Ungewisse, das Hoffen entbehrt der Erfüllungssicherheit, um die es sich ranken möchte. Und so wird die Stärke zum Trotz, das Schweigen zur Verschlossenheit, die Freude am Neuen zur Unsicherheit und zum Mißtrauen.“

„Das ist mir noch nicht aufgefallen.“

Herr Grimmberger zuckte die Achseln und sagte:

„Das glaube ich. Sie sehen auch keine Blume, bis Ihnen ein Blumentopf auf den Kopf fällt. Adieu!“

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