Original

20. Juli 1927

Ein Weiser des Altertums ging mit seinem Sohne spazieren.

Sie kamen vor die Stadt, in eine unbekannte Gegend.

„Wie schön ist es hier!“ sagte der Sohn.

„Du findest in deiner Unerfahrenheit, daß es hier schön ist,“ versetzte der Weise. „Aber wisse, daß nur zu oft der Schein trügt.“

Der Sohn wußte darauf nichts zu antworten. Er wußte, daß bei solchen Anlässen sein weiser Vater immer das letzte Wort haben wollte.

Indes die Natur ringsherum wurde immer schöner.

Die beiden Spaziergänger kamen an einen Hain von Lorbeerbäumen (Laurus nobilis L), aus dem liebliche Musik zu ihnen herausscholl; man unterschied jeweilig Streichinstrumente, Saxophon, Mandoline, Flöte, zuweilen eine einfache Mundharmonika, von Klavier nicht zu reden. Stimmengewirr mischte sich hinein und ein geübtes Ohr vermochte leicht zu bestimmen, daß das Gewirr zweigeschlechtlich war.

„Vater, hier ist gut sein!“ sagte der Sohn.

Über das Antlitz des Weisen legte sich ein Ausdruck halb der Strenge, halb der Betrübnis.

„Ich will nicht leugnen,“ sagte er ernst und mild zugleich, „daß der Schein für das Zutreffen deiner Auffassung spricht. Mehrere der Ingredienzien, aus denen ein momentanes Lustempfinden sich zusammenzusetzen pflegt, scheinen in specie als vorhanden gegeben zu sein. Es ist mit nichten ausgeschlossen, daß du, indem du dem Herd dieser sinnlichen Wahrnehmungen näherträtest, in der soeben flüchtig geäußerten Auffassung bestärkt würdest. Aber ich bin in der Lage, dich auf Grund der von mir vor Jahrzehnten in eben diesem Hain gemachten Erfahrungen vor den Schäden zu behüten, die dir zweifellos aus einer näheren Berührung mit den Dingen der Umwelt dieses musikalischen und doppelgeschlechtlichen Lorbeerhaines erwachsen würden.“

„Bist du sicher?“ wagte der Sohn eine schüchterne Widerrede.

„Ganz sicher!“ kam es aus den Brusttiefen des Weisen, von da, wo die fest verankerten Überzeugungen liegen. „Ich teile dir mit aus dem reichen Schatz meiner Erfahrungen, und meine Erfahrungen haben mich gelehrt, daß dieser mehrerwähnte Hain nichts ist für junge Leute in deinem Alter.“

„Es muß doch etwas Köstliches sein um einen solchen Erfahrungsschatz,“ sagte der Sohn - wie heuchlerisch! wird sich sofort herausstellen.

„Die Erfahrung!“ sagte der Weise, und wenig fehlte, so hätte er mit der Zunge geschnalzt wie bei der Erwähnung einer Flasche 1893 Forster Jesuitengarten. „Die Erfahrung! Sie ist das Kostbarste, was der Mensch im Laufe seiner Jahre erwerben und ansammeln kann. Sie häuft sich nach und nach zu einem Schatz, aus dem man Tag für Tag mit vollen Händen die Jugend beschenlen kann, ohne daß der Schatz geringer wird. Man bleibt ein Krösus an idealem Besitz, indem man die andern unermeßlich bereichert.“

„Und einen Teil dieses Erfahrungsschatzes hast du in diesem Hain gesammelt?“

„Einen großen Teil, und nicht den wenigst kostbaren - aber auch kostspieligen,“ sagte der Weise, und ein träumerischer Ausdruck kam in seine Blicke, die wie in blaue Fernen gerichtet waren.

„Nun gut,“ sagte der Sohn entschlossen, „auch ich will diesen Schatz erwerben, damit ich später meinem Sohn oder meiner Tochter oder beiden daraus mitteilen kann. Adieu, lieber Vater! Und wartet bitte heute nicht auf mich mit dem Abendessen.“

Sagte es und verschwand im Dunkel des Lorbeerhaines, aus dem, von Flügeln des Gesangs getragen, ihm grade das Wort „Valencia“ entgegentönte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3496