„Bist du im Vogelschutzverein?“ frug er.
„Nein,“ sagte ich. „Warum?“
„Der Fall liegt so. Ich habe in meinem Garten zahlreiche Singvogelnester. Wir freuen uns darüber, meine Frau, mein Sohn und ich. Leider wird unsere Freude dadurch getrübt, daß in der Nähe viele Markölfe oder Eichelhäher hausen, die bekanntlich große Feinde der Singvögel sind ...“
„Vielmehr Liebhaber,“ warf ich ein.
„Wie man’s nimmt. Sie haben sie so lieb, daß sie sie fressen. Ich fand das nicht in Ordnung. Der Mensch ist nicht umsonst der Herr der Schöpfung. Er muß zuweilen in ihren natürlichen Gang eingreifen, um zu verhindern, daß der Bösewicht über die Unschuld Herr werde. Also nahm ich eines Tages meine Flobertbüchse und schoß den ersten Markolf tot, der mir vor den Lauf kam. Ich zeigte ihn stolz im trauten Familienkreis, überzeugt, daß ich dafür Lob und Dank ernten würde.“
„Und?“
„Das Gegenteil war der Fall. Sie sagten, ich sei ein Barbar, ein Vandal, ein Rohling, und sie werden mich bei Fräulein Marie Henriette Steil anzeigen, damit die eine abschreckende Geschichte über mich schriebe. Und nun frage ich dich, was soll ich tun? Ich bin mir bewußt, einem rationellen Vogelschutz gedient zu haben. Denn der Häher ist ein Vertilger der Singvogelbrut. Wenn in unserm Stadtpark die Singvögel gedeihen sollen, muß auf diesen geflügelten Schinderhannes unbarmherzig Jagd gemacht werden. Neunmalneuntöter nennen ihn die deutschen Vogelkundigen.“
„Also schieß ihn tot!“
„Das darf ich doch nicht, hast du gehört.“
„Ach so, die Deinigen wollen nicht.“
„Ich dachte vielleicht, du wärest im Vogelschutzverein und könntest von dort aus etwas veranlassen.“
„Mir steht der Sinn nach Höherem. Ich denke daran, einen Menschenschutzverein zu gründen.“
„Einen Menschenschutzverein gegen die Tiere?“
„Nein, gegen die Menschen.“
„Glänzend! Dann wird sich also mein Fall ganz genau wiederholen, dasselbe in grün. Du wirst die Singvogelmenschen gegen die Markolfmenschen schützen wollen, und es werden sich Leute finden, die dich daran hindern werden, die menschlichen Markölfe unschädlich zu machen. Wenn die Meinigen es mir verleiden, Eichelhäher zu schießen, so fühlen sie sich in ihrem Recht als Schützer der Schwachen gegen den Stärkeren. Wenn deine Frau zum Beispiel gerne Kirschen ißt und sich darüber ärgert, daß ihr die Amseln jeden Tag die über Nacht gereiften Kirschen mit Geschrei von der Nase weg fressen, so bilde dir ja nicht ein, du werdest bei deiner Frau Dank ernten, wenn du die diebischen Amseln vom Baum schießest. In einem Frauenherzen wohnt die Liebe zu den Kirschen und die Liebe zu den Amseln einträchtiglich und dicht beieinander, wie die Liebe zu den Singvögeln und zu den Markölfen.“
„Also lassen wir es dabei.“
„Vielleicht gehen die Meinigen einmal ein paar Tage aufs Land, dann mache ich Vogelschutz auf meine Hand.“
Ich ging weiter. Da begegnete mir ein Mann, der ein mit Hausrat hoch beladenes Wägelchen zog. Außer dem Hausrat lag auch seine junge, kräftige Frau auf dem Wägelchen. Um das Gespann herum kreiste munter eine schwere Ulmer Dogge. Der Mann zog und schwitzte, wie ein Montagsbriefträger. Als er grade eine Pause machte, um sich den Schweiß mit der umgekehrten Hand von der Stirn zu wischen, frug ich ihn:
„Jst das Ihr Hund?“
„Jawohl!“
„Warum spannen Sie ihn denn nicht an?“
Da rief die junge Frau entrüstet:
„Wir sind im Tierschutzverein.“
Und der Mann zog das Wägelchen weiter. Ob die Frau später auch noch die Ulmer Dogge zu sich aufs Gefährt nahm, weiß ich nicht.