In der Kammersitzung vom letzten Dienstag sprach Herr René Blum von der Möglichkeit, unsern Justizpalast - lucus a non lucendo - an eine Hotelgesellschaft zu verhökern, die an seiner Stelle ein Touristenhotel internationaler Klasse erbauen würde.
Warum nicht?
Es ist gradezu pathologisch, wie lange es dauert, bis die Stadtluxemburger begreifen, daß an ihrer Stadt etwas total verkehrt ist. Daß sie einem Organismus gleicht, bei dem das Innere nach außen gekehrt wäre, einer Schildkröte etwa, bei der das Knochige die äußere Schutzhülle bildet.
Wo sonst in der Welt eine Stadt mit einer so eigenartigen landschaftlichen Umgebung gesegnet ist, da wurde instinktiv dafür gesorgt, daß die Fremden, die durch solche Schönheit angelockt werden, auch im Angesicht der Natur ihre Tage und Wochen verbringen können.
Wie steht es damit bei uns? Machen wir den Rundgang. An den Stellen, wo sich ein Kranz von Hotels und Pensionen winden sollte, liegen: Das Konvikt, die Handelskammer, das Verwaltungsgebäude von Terres Rouges, die Kaserne, die frühere Normalschule, das Konservatorium, die Kirche, Ateliers, das Gericht, das Pescatorestift - eine ununterbrochene Reihe von Gebäuden, die mit Tourismus nicht das Mindeste zu schaffen haben. Es fehlte noch, daß man dazwischen ein elegantes Schlachthaus, ein Trambahndepot u. ein paar öffentliche Bedürfnis- anstalten hineinkomponierte. Nach der andern Seite ist dafür gesorgt, daß auch im Park noch so bald kein Lokal entsteht, das auf die Spaziergänger irgendwelche Anziehungskraft ausüben könnte.
Also die Niederlassungen, die sonstwo im Stadtinnern liegen, drängen sich hier auf die ersten Logenplätze, und die Hotels, die sonstwo an den landschaftlich schönsten Stellen entstehen, verlieren sich im Häuser-Anonymat der Innenstadt.
Es ist kaum mit der Wahrscheinlichkeit zu rechnen, daß die dumpfe Luft, die aus der Festungszeit her noch die Häuser und Straßen und Geister zu bedrücken scheint, hinausgeweht wird, bevor die letzte Generation von Philistern ausgestorben ist. Und nichts ist zählebiger, als ein Philister, zumal solange noch ein anderer Philister lebt, mit dem er sich in seinem Philistertum bestärken kann.
Aber man widersteht schwer der Versuchung, ab und zu sich auszudenken, wie es werden könnte, wenn einmal ......
Zum Beispiel, wenn einmal die Idee des Herrn René Blum sich verwirklichte: Fremde Kapitalisten, auf Suche nach Platz für neues Touristenhotel, kommen Luxemburg, zufällig mit Bekannten in Sitzung Gericht, sehen durch Fenster Landschaft: Hier oder nirgends!
Ich übergehe Präliminarien. Bauzeit ein Jahr. In einem Jahr hat Giorgetti das Ganze geschmissen. Erdgeschoß Riesengarage und sonstige Dependenzien. Dreihundert Zimmer. Anfahrt von Eicher Berg her durch Garten Ostseite. Wintergarten, Lesezimmer, Schreibzimmer, u. s. w. u. s. w. Negresco, Nitz, Palace übertrumpft. Rechts und links Clausener Viadukt Autobahn von und nach Drei Eicheln, Pavillon, Tenniscourts, Golf, Schießstand, Taubenschießen, Milchwirtschaften, Schwebebahn .....
Sie dürfen weiter träumen.
Einstweilen beruhigen Sie sich, meine Herren vom Gericht. Es ist noch nicht an dem und wird heute und morgen noch nicht an dem sein, daß Sie auf den befreienden Blick aus. Ihrem Bürofenster nach Fetschenhof, Rham, Drei Eicheln und weiter verzichten müssen. Es wird noch lange dem Verurteilten eine grausame Lust sein, vor dem Abstieg ins Gefängnis noch einmal mit dem Blick die helle Weite da draußen zu umarmen. Es wird noch sehr lange dauern, bis an der Stelle eines schlechten Justizgebäudes ein gutes Touristenhotel stehen wird, bis wir uns einmal gründlich umkrempeln und zum Vorteil des Ganzen die Organe nach außen verlegen, die wirtschaftlich dorthin gehören, und drinnen den andern die Stellen anweisen, die sie überall einnehmen und an denen sie ebenso rentabel arbeiten, wie dort, wo sie sich heute unrentabel breit machen.