Original

29. Juli 1927

Man muß immer ein Eckchen wissen, wohin man sich vor den Boshaftigkeiten des Lebens in Sicherheit bringen kann.

Für jede Stimmung ein Eckchen. So wie ein richtiger Lebenskünstler in Gedanken sich in jede bekannte Landschaft eine Villa baut, ein Dutzend Villen, die seine Phantasie je nach Gefallen bezieht. Ein Eckchen hier und ein Eckchen da, im Süden und Norden, im Osten und Westen. Sei’s eine Caféterrasse an der Place St. Michel, sei’s eine Bank im Luxembourg, ein windgeschütztes Plätzchen auf dem Verdeck eines Donaudampfers zwischen Passau und Linz, ein Rasenplatz im Baumesschatten auf dem Mont Salève - oder zum Beispiel, woran ich grade denke, eine trauliche Ecke in der Klause, die sich Hödls Weinstuben zum Domhof nennt und in einer der winkligen, uralten Gassen um den Mainzer Dom liegt, der Grebenstraße, wenn ich den Namen richtig behalten habe.

Es verkehren dort keine Gesandten und keine sonstigen Großen der Erde. Wir waren, des Rosenmontagvormittagbummels müde, zu zweit dort eingekehrt, weil der andere von Freunden wußte, dort sei gut sein. Und billig.

Dem Karneval zu Ehren hingen unter der gebräunten Decke Blumen und Girlanden durcheinander und forderten zum Leichtsinn heraus. Aber der Leichtsinn hatte hier seßhafte Formen. An einer Tafelrunde vor dem Schanktisch saßen ruhige Mainzer und tranken Sekt. Es tat uns wohl, daß sie ihren Sekt tranken, eine Flasche um die andere, und daß sie dabei doch so besonnen und ruhig blieben, daß sie humorvoll die Ereignisse der Nacht erörterten, die sie in den späten Vormittag herübergesponnen hatten, und daß sie durchaus keine aufgeregten Reden führten. Über ihnen hing an der Wand ein Schild mit den Worten: „Wenn meine Frau mich ärgern will, - Dann weiß ich, was ich tu: - Ich steck sie in den Habersack - Und bind ihn oben zu.“

Draußen schwoll langsam der Trubel der Narretei. Ein Verein in grünen Rokoko-Samtanzügen mit Goldborten zog vorüber und blies einen Marsch, von dem die Häuser zitterten. Wir saßen der Feststimmung im Schoß und träumten uns in die Vergangenheit, in die Jahre, wo um den alten Dom die Ur-Urgroßväter der Narren von heute sprangen, wo durch die Straße draußen schen der Menschenstrom floß, wie drunten der Rhein, seit Menschengedenken, und wie wir nun da saßen und jedes als ein winziges Wellchen im Strom zutal trieb. Und die junge Februarsonne schien zur Aufmunterung. Man dachte: Es wird schon noch alles gut werden. Und es ist alles so prächtig eingerichtet, daß es auch ohne dich weiter gehen wird. Sitz zufrieden in deiner Ecke, trink dein Glas Niersteiner Fuchsloch - denn er war es - und laß dir die laue Verantwortungslosigkeit über dem Kopf zusammenschlagen.

Indessen brachte die Tochter des Hauses die Platte mit Roastbeef. Auf dem braunen Braten, um den dustend die Tunke sich breitete und blinkend die Sonnenstrahlen von oben auffing, lagen die Zwiebelchen wie holde Jungfrauenleichen, auf dem Feld der Ehre für das Renommee der Küche von Hödls Weinstuben zum Domhof hingerafft.

Ich zerbreche mir den Kopf, wie und warum von den vielen trauten Eckchen, die in meiner Erinnerung bereitstehen, diesmal grade diese sich vor mir als Zuflucht öffnete. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang mit dem Wirtshausgesetz des Herrn Origer, dem Weinplädoyer des Herrn Dr. Godart und dem Niersteiner Fuchsloch.

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    Katalognummer BW-AK-015-3504