Original

30. Juli 1927

Im Schaufenster bei Wierschem liegen die Blätter, auf denen Louis Kuschmann die luxemburger Armee in ihren Wandlungen seit 1832 bis 1914 farbenfreudig verewigt hat.

Sie sind ein Kulturdokument ganz eigener Art und eine spassige Illustration zu dem Feierwon-Vers von dem ewigen Völkerbund, zu dem hinein - und aus dem hinaus wir den Weg gefunden haben sollen. Was ein kriegerisch gesinnter Luxemburger ist, der kann mit Stolz auf diese grimmen Krieger zu Roß und Fuß zeigen und sagen: Seht, wie mein Volk damals in den Reihen der europäischen Heere seinen Mann stand! Aber ein anderer wird sagen: Seht, wie komisch uns dieser militärische Mummenschanz heute anmutet! Kaum zu denken, daß man jemals mit solchem Aufzug den Leuten hat imponieren wollen!

Eins steht fest, in der guten alten Zeit war das Militär in der ernsten Eintönigkeit der Zivilbekleidung der fröhliche Farbenfleck, der die Rekruten lockte und die Mädchen bestach. Es war die Glanzzeit des zweierlei Tuchs. Farben und Formen schlugen nach allen Seiten aus, um Eindruck zu machen, und daraus wurden diese rauschenden Gebilde, die man Uniformen nannte. Die Uniform entsprang dem Bedürfnis, die Uniformität des Spießbürgerdaseins zu unterbrechen.

Diesem Bedürfnis wurden auf Kosten der Bequemlichkeit und Zweckmäßigkeit alle Opfer gebracht. Man knüpfte direkt an die Tierwelt an. Niemand wird behaupten, daß ein Pfauenschweif bequem sei und seinen Träger zur Entfaltung einer großen Schlagfertigkeit befähige. Dasselbe läßt sich von den alten Uniformen sagen. Die Mannheit des Trägers legt sich sozusagen als Verlängerung nach außen allerhand Kinkerlitzchen zu, die in ihrer Gesamtheit den soldatischen Pfauenschweif ausmachen. Man sollte es tatsächlich nicht für möglich halten, daß Leute, deren Bestimmung es war, in den Krieg zu ziehen, also zu laufen - nach vorne oder rückwärts bleibe dahingestellt - und zu raufen, daß diese sich Monumente aus Filz und Fell und Federn und Leder auf den Kopf stülpten, eimergroße Ungetüme von Kopfbedeckungen, die beim ersten Stoß und Hieb ins Wanken kommen mußten. Oder bestand dazumal der Heldenmut im passiven Standhalten mit der Losung: Nur nicht wackeln!

Man kann nach den Uniformen den Krieg beurteilen. Wahrhaftig, wenn man heute von alten Schlachten liest, erscheint einem das Sterben so altfränkisch, so verstaubt und vergilbt und mottenpulverduftend, wie die Uniformen, in denen die Menschen damals verbluteten. Das war auch noch die Zeit, wo man dem Krieg poetische Seiten abgewann. Poesie des Morgenrot- und des Postkutschenidylls. Vormaschinelle Zeit. Das Töten im Krieg war noch mühsame Handarbeit. Wir haben heute Maschinenbetrieb. Die Soldaten tragen keine Livree mehr, sondern Overalls. Sie sind die Chauffeure und Mechaniker des Todes. Ein Lied wie „Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt, darinnen ein Soldat“ ist heute so unmöglich, wie daß einer im offenen Auto bei achtzig Kilometer in der Stunde an einem Streichholz seine Pfeife anzündet. Die Luft ist für Gemütlichkeit im Zusammenhang mit Krieg zu scharf geworden.

Die Älteren werden die Kuschmann’schen Blätter nicht betrachten, ohne daß Erinnerungen an verschwundene Gestalten in ihnen auftauchen. Die grauen Uniformhosen haben noch viele von uns gekannt. Viele erinnern sich noch der gedrungenen, martialischen Figur des jüngsten Leutnants von damals, Arthur Knaff, wenn er an Königs Geburtstag mit wehendem Helmbusch, das schnurrbartdurchkreuzte Antlitz von der blinkenden Kinnkette umrahmt, den Degen gezückt, mit breiter Orange-Schärpe umgürtet, seinem Zug vor der Kathedrale ein scharfes „Stillgestanden“ durch die Knochen jagte, und die Leute sich zusammenrissen, des Augenblicks gewärtig, wo sie a tempo mit dem linken Fuß ausholen müßten.

Und Weydesch Guill, der legendare Leutnant, mit dem flachsblonden Knebelbart, der immer horizontal nach vorne zeigte, dieser künstlich gemachte Kasernenhof-Tyrann, der den Gemütsmenschen mühsam hinter einem witzigen Bärbeißertum versteckt hielt. Als ein junger Rekrut ihn eines Tages um die Erlaubnis hat, mit seiner Mutter auszugehen, gab er seine Einwilligung, aber nicht ohne hinzuzufügen: „Jms, Schwaps, Feldwspapp echsmamm.“ Eine zusammengezogene Form für: Iwregens, Schweilappes, de Feldwebel aß dei Papp, an ech sin deng Mamm.

Die Sammlung bei Wierschem ist zu verkaufen. Ließen sich in unserm Kriegsbüdget nicht ein paar Hunderter oder Tausender zusammenkratzen, damit diese Blätter im Festsaal der Kaserne aufgehängt würden? Denn einen Festsaal muß eine richtige Kaserne doch haben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3505