Original

31. Juli 1927

Die Luft, die seit einigen Tagen weht, ist unbestreitbar Ferienluft. Sie weht draußen durch die Straßen, sie kommt von den Wiesen und Weizenfeldern von Straßen, Dippach, Merl herüber, sie weht vom Fetschenhof her durch die Linden am Eicherberg, sie bringt vom Limpertsberg den Duft der Rosen mit, sie kommt durch die offenen Fenster und streicht durch alle Stuben und dringt durch alle Ritzen. Sie hat einen eigenen Duft, er ist gemischt aus dem Duft von Heu, Achselhöhlen, Seefischen, Asphalt-, Kohlen- und Benzingeruch - aus allen möglichen Reisegerüchen aus Stadt und Land. Beim leisesten Teergeruch zum Beispiel, den ich in die Nase bekomme, denke ich an eine wunderbare Fahrt durchs Burgunderland, weil damals dort herum die Straßen frisch geteert waren. Jeder Fischgeruch zaubert mir den Strand von Blankenberghe vor das geistige Auge, um nur dies Organ zu nennen, jede Ahnung von Heuduft versetzt mich in einen Heustadel irgendwo auf einer Bergwiese in der Umgegend von Mittenwald.

Wenn sich zwei auf der Straße treffen, fragt unweigerlich der eine den andern, wohin er in die Ferien reist. Es ist unglaublich, wie die Leute über die Preise, über die Zimmer, über die Küche aller Sommerfrischen bis zu fünfhundert Kilometer in der Runde Bescheid wissen. Man hört förmlich die blauen Scheine in den Brusttaschen rascheln, ungeduldig, wie Tauben im Schlag vor dem Abflug.

Also Ihr freut Euch auf die Ferien. Bald werdet Ihr Euch auf die Rückkehr freuen. Bedenkt, wie Ihr die Stadt wiedersehen werdet, und Ihr werdet Euch sagen, daß Ihr Euch schon heute auf die Rückkehr freut. Wäre es auch nur, um die Freiheitsavenue, die Ihr als Schuttablagerungsstätte verlaßt, nach ihrer Vollendung zu sehen. Macht Euch bitte klar, daß die Freiheitsavenue in Zukunft der visuelle Exponent unserer Hauptstadt sein wird. Sie wird für uns sein, was die Nordallee für Trier, was die Wilhelmstraße für Wiesbaden, was die Fifth Avenue für New York, die Avenue de l’Opéra für Paris, die Linden für Berlin, der Newsky-Prospekt für Petersburg, der Boulevard Anspach für Brüssel, was für alle Städte ihre berühmtesten Straßen sind, ein ErinnerungsMittelpunkt, ein Maßstab fürs Ganze.

Heute erst ist dieser Straßenzug richtig im Werden. Jahrzehnte lang war er ein Morast, jetzt soll er eine saubere, helle, vornehme Avenue werden, in der nichts mehr das Auge beleidigt, in der man, den Blick in den Wolken, unbesorgt hintreten darf, wohin man will, wo der Geist des Maximums an den Häuserfassaden entlang weht, wo man hingeht, wenn man ein Stückchen, ein bescheidenes aber doch immerhin ein Stückchen Großstadt erleben will, Großstadt von der Sonnenseite.

Du bist einen Monat draußen, und wenn Du zufällig einmal nach Luxemburg zurückdenkst, Dir etwa die Heimkehr ausmalst, so stehst Du die Freiheitsavenue immer noch als Verkehrshindernis. Und dann, wenn wirklich Deine Ferien um sind, wenn Du wirklich in einem unserer beiden Taxis in die Stadt einziehst, wird die Freiheitsavenue vor Dir liegen, als hätte sich nie jemand darin die Hosen bis ans Knte bekleckert - so blank und frei und sauber wird sie da liegen, du wirst keinen Pflasterer mehr am Boden hocken sehen, keine Schienen und Steine werden herumliegen, keine Staubwolken werden hinter Deinem Wagen wirbeln, wenn es trocken, keine Kotlachen aufspritzen, wenn es naß ist. Deine Heimar wird Dich begrüßen, wie eine junge schöne Braut; wo an einer Häuserfassade ein Baugerüst das Straßenbild verschandelte, lacht eine funkelnagelneue Hausfront, wo eine Gefängnismauer den Schulhof abschloß, ist jetzt freier Blick, überall ist es anders und besser und schöner geworden. Du denkst an eine Kusine, die Du lange nicht gesehen hattest, damals war sie vierzehn, hatte dünne Schlenkerbeine und Hände, wie Hummerscheren, und eines Tages tritt sie Dir als Prachtmädel von achtzehn entgegen. Ihre Schönheit hätte Dich nicht frappiert, wenn Du sie hättest Tag für Tag heranwachsen sehen.

Also freue Dich auf die Überraschung für den Tag der Heimkehr.

Wenn nur die verschiedenen Bauverwaltungen es nicht anders vorhaben!

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    Katalognummer BW-AK-015-3506