Original

13. September 1927

Es war an einem der seltenen sonnigen Tage des Ferienmonats August, da gingen wir selbander über die Äcker, der Peter und ich. Wir äußerten uns in schwärmeriskchen Ausrufen über die Herrlichkeit der Natur. Peter sagte: „Jetzt sitzen sie im Grand Café oder beim Wenglesch Pitt und klopfen Skat oder Whist!“

Er legte eine Welt von Verachtung in diese Feststellung. Seine Nüstern sogen den kräftigen Geruch ein, der von den frisch gemähten Kornfeldern aufstieg, und er verglich damit in Gedanken den stickigen Tabakdunst, der daheim die Kartenspieler umschwebte.

Unweit quoll hinter einem Hügel der Wipfel eines Wallnußbaumes hoch, wie eine grüne Wolke hinter den Bergen heraufsteigt.

„Das ist der Nußbaum, an dem ich um diese Jahreszeit regelmäßig zum Feldfrevler werde,“ sagte ich und gedachte dabei zärtlich der mattweißen Kerne, die ich aus ihrer gelben Haut zu schälen gewohnt war.

Peter pflichtete mir bei, daß jetzt die Nüsse am besten seien. Später, wenn sie ölig werden, sei es lange nicht mehr dasselbe. Er gebrauchte sogar, wenn ich mich gut erinnere, erotisch gefärbte Vergleiche.

Einen jungen Mann, der uns begegnete, frug ich nach dem Eigentümer des Baums. Es lag meinerseits eine Art Gewissenhaftigkeit darin, den Mann zu kennen, zu dessen Nachteil ich alljährlich ein gewisses Quantum Feldfrüchte mir unrechtmäßig anzueignen gewohnt war.

„Es ist unser Baum,“ sagte der junge Mann lächelnd, als hätte er meine Gedanken erraten.

„Das trifft sich fein,“ sagte ich. „Grade wollten wir uns eine Tasche voll davon stehlen Wollen Sie uns aber die Erlaubnis dazu geben, so ist uns das natürlich noch viel lieber.“

Er sagte lachend, daß wir uns eine Tasche voll herunterlangen dürften, und wir taten es, zum Ärgernis eines in der Nähe pflügenden Bauern, der von der Ermächtigung nichts wußte und sich wahrscheinlich über die Maßen ob des frechen, diebischen Stadtpacks ärgerte.

Peter sah mir wohlwollend zu, wie ich mit dem Krückstock die untern Äste herunterzog und alle erreichbaren grünen Bälle abpflückte.

Es ist ein eigenes Gefühl, so eine pralle, harte, grüne Wallnuß in der Hand zu pressen und zu denken, welche peinliche Überraschung es wäre, wenn man wie in einen Apfel hineinbisse. Das Kostbare des Nußkerns kommt einem zum Bewußtsein, indem man sich vergegenwärtigt, wie sorgfältig er von der Natur eingekapselt ist. Man muß zu ihm vordringen, wie zu einem ägyptischen Königsgrab, durch eine, zwei, drei Hüllen.

Indes, bei einiger Übung kommt man ihm schon mit ein paar Handgriffen bei. Wo der Stiel saß, der blaßgrünen Furche gemäß das Messer hineingezwängt, die beiden Hälften auseinander gesprengt, ihren Inhalt herausgebohrt, den Kern von seiner doppelten bitteren Hülle befreit - und schon kracht er Dir zwischen den Zähnen.

So gingen wir, wieder auf der Landstraße, schweigend nebeneinander, in die kribblige Beschäftigung vertieft, im Unterbewußtsein den Skrupel, daß das Abenteuer mit schwarzbraunen Fingerspitzen endigen würde.

Von Zeit zu Zeit klappte Peter das Messer zu und wischte sich mit dem Taschentuch heftig über die Finger, zum Zeichen, daß er am Ende seines Vorrats war. Dann teilte ich ihm wieder eine Handvoll mit, und der Betrieb ging weiter. Von Zeit zu Zeit stieß er einen behäbigen Grunzlaut aus, in Anerkennung des Genusses, den er schließlich mir verdankte.

Als ich dann auch alle Taschen erschöpft hatte - die letzte Nuß hatte ich noch brüderlich mit ihm geteilt - sagte ich stolz bescheiden:

„Das war doch ein Genuß ganz eigener Art.“

Über Peter aber kam wieder der Geist nüchterner Sachlichkeit, der ihn berühmt gemacht hat.

„Et aß nach neischt dran!“ sagte er kritisch.

Für dies Wort hätte ich ihn ermorden können. Er wurde zu einer Flasche Wormeldinger Einundzwanziger begnadigt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3507