Original

15. September 1927

Täglich um dieselbe Stunde überfliegt er die Gegend.

Sanft schnarcht sich sein Motor heran. Erst ist für den Bruchteil einer Sekunde ein leise hingeschwungenes Summen im Raum, nicht lauter, als es die Florflügel einer dicken Hornisse fertig bringen. Dann ist das seltsame An- und Abschwellen des Surrgeräusches über uns, feingezeichnet steht am Horizont die mückengroße Silhouette des Fliegers vor einer sonnenweißen Wolke.

Schon gleitet er uns über die Häupter von dannen und versinkt hinterm Wald.

Der Gedanke an einen Menschen, der dahinter steckt, meldet sich nicht gleich. Der Mann verschwindet hinter der Maschine, die Maschine ist der Mann, der Mann ist die Maschine. Den Reiter sieht man und den Radrenner im Sattel, den Chaufseur am Steuer - der Flieger ist die unsichtbare Seele des großen Vogels, den die Millionen Explosionsflämmchen durch den Raum ziehen.

Es bedarf einigen Grübelns, bis man auf den Gedanken kommt, daß droben wirklich ein Mensch fliegt, losgelöst von der mütterlichen Erde, emporgerissen in das Element, das von allen die wenigsten Balken hat, aus dem die unerbittliche Schwerkraft alles wieder in den Schoß der grausam anhänglichen Mutter zurückzwingt, bei Strafe des Todes für die Unfolgsamen, die sich zu weit zu entfernen wagten.

Es ist ein hinnehmender Gedanke, daß da ein einsamer Mensch sich durch die Lufte steuert, einer Mutter Sohn wie du und ich, gewiegt von der Bewegung des Raums, die keine Ufer hat, seine Gedanken hineinflechtend in das wundervoll eintönige Sausen des Motors. Denn er denkt an etwas. Er ist jung. Er denkt an Liebe und Ruhm, an Nungesser oder Lindbergh, vielleicht auch nur an sein Mittagessen.

Wir reden uns ein, das Fliegen gehöre schon zu den normalen Beschäftigungen des heutigen Kulturmenschen. Bekannte, die aus der Fremde heimkommen, wissen von Flugplätzen, auf denen es von Passagieren nur so ab- und zuströmt. Es gehört zur modernen Psyche, daß das alte nil mirari auf der ganzen Linie praktiziert wird. Man darf sich, will man nicht als Biedermeier eine komische Figur spielen, über nichts erstaunen, und wenn dir dein Bekannter erzählt, er sei von Basel nach Konstantinopel geflogen, darf es beileibe nicht sein, daß du darin eine besondere Leistung seinerseits erblickst, sondern du mußt gleich fragen, was es kostet und ob es lohnt. Das „Valencia“ des Busineßmannes heißt „Efficiency“ (spr. Effischenße, Ton auf der zweiten Silbe).

In dem Maße, wie unsere Fortbewegungsmittel sich entwickeln, werden sie auch halsbrecherischer. Scheinen es wenigstens. Es wird noch einige Jährchen brauchen, bis der Durchschnittsmann aus dem Publikum die Scheu vorm Fliegen überwunden hat.

Einstweilen ist das Fliegen noch eine Art Sicherheitsventil für den Druck, unter dem viele Temperamente stehen. Wäre zur Zeit des Schinderhannes die Flugmaschine erfunden gewesen, er hätte zweifellos Lorbeeren gepflückt, statt auf dem Schafott zu endigen.

Die Vielen, die die weltgeschichtliche Fahrt des Christoph Columbus in Westentaschenformat wiederholen wollten und dabei in Nacht und Nebel verschollen, sind die Pfadbereiter für künftige Möglichkeiten, die uns heute als Utopien erscheinen.

Und wie immer, ist Undank der Welt Lohn. Jetzt finden sich sogar schon Nörgler, die behaupten, das schlechte Wetter rühre daher, daß die Ozeanflieger die Atmosphäre zerrütten!

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    Katalognummer BW-AK-015-3509