Du hast einen Freund - nennen wir ihn Max -, mit dem du normal und angenehm verkehrst. Du kannst dich mit ihm sachlich über alles Mögliche unterhalten, über Valuta, Mädchen, Bubikopf, Sacco und Vanzetti, Kunstwolle, Ozeanflüge, Rationalisterung und Elektrifizierung und Straßenpflasterung, Maikäfer und Hebammen - kurzum, Max und du seid Freunde, und nichts deutet darauf hin, daß er andern Wesens wäre, als du.
Seit 1. September ist das anders geworden. Max ist wie umgewechselt. Er ist nicht mehr Mensch, nicht mehr Luxemburger, nicht mehr Kaufmann, nicht mehr an der Lösung der Welträtsel interessiert, Max ist nicht mehr Max, er ist nur noch Jäger. Er wertet seine Mitmenschen nicht mehr nach ihren Tugenden, ihrem Einkommen, ihrem Verstand, ihrer Schönheit, ihrer Güte, ihrem Appetit, nein, nur nach der Zahl der Rebhühner, die sie bis jetzt getötet haben. (Die Hasen gelten noch nicht als Wertmesser, das muß schon ein Aasjäger sein, der um diese Zeit auf trächtige Häsinnen knallt!). Wenn jetzt einer von der Kopstaler Heide nach New York und zurück in einer Tour flöge, den Max ließe es kalt. Er würde ihn höchstens fragen, ob drüben in Amerika die Jagd schon auf ist. Er weiß Bescheid über die Strecke aller luxemburger Jäger: daß der Camille am ersten Tag zweiundfünfzig Hühner geschossen hat - einundfünfzig, und andern Tags brachte der Hund das zweiundfünfzigste -, daß sie beim Pänny vierzehn Hasen zur Strecke gebracht haben, wie er nicht dabei war - vierzehn von den siebzehn, die er im Revier hat, - und Max wiederholt leise, damit es niemand am nächsten Tisch hört, die gotteslästerlichen Flüche, die darauf der Pänny ausgestoßen hat. Kurzum, Max ist wie gesagt nur noch Jäger, das heißt eine Menschenspielart, die vom normalen Kostgänger des lieben Herrgott total abweicht.
Zumal in der Sprache.
Da kann der Max gemeingefährlich werden. Solltest du in den Fall kommen, in seiner Gegenwart von Hund, Reh, Hase, Wildschwein und dergleichen zu reden, so versichere dich erst, ob seine Flinte nicht geladen ist. Es könnte dir passieren, daß du harmlos von den Beinen seines Hundes, von dem Maul eines Rehes oder von den Ohren eines Hasen sprächest, und plötzlich verzöge sich sein Gesicht in Zorn und Verachtung und er schlüge das Gewehr auf dich an.
Die Jägersprache ist von der Sprache des Durchschnittsmenschen so verschieden, wie ein Gemälde von einer Tapete. Die Jägersprache malt. Nimm einmal das letzte Heft (September) des Luxemburger St. Hubertus-Club zur Hand. Nebenbei gesagt, eine Fachzeitschrift, die in ihren vier ersten Nummern den Beweis geliefert hat, daß viel über Waidwerk und Fischerei bei uns zu sagen ist, und daß sie es trefflich und eindringlich zu sagen weiß.
Man liest so über einen jagdtechnischen Aufsatz hin und „steht“ plötzlich einen Ausdruck, der ein Bild aus Wald und Flur hinzaubert. Man liest zum Beispiel, daß sich ein Reh im Freien niedertut und nicht zu Holz zieht. Es tut sich nieder: das ist eine ganze Handlung mit Vorbereitung, Vollziehung, Genugtuung über das Vollzogene. Es ist darin der Begriff des Fraulichen, hausfraulich Vorsorglichen und auch das Bestreben nach Anmut und Bequemlichkeit zugleich. Wenn einer in der Vorstellung lebt, daß sich ein Reh „niedertut“, könnte er wirklich auf jemand schießen, der sagt, es legt sich hin.
Und es zieht zu Holz! Wie feierlich, wie motorisch anschaulich, wie weit und groß, grün und einsam! Wahrhaftig, man möchte Jäger werden, nur um sich diese kostbare Sprache zu eigen zu machen.
Aber der Max sagt! Tu es nicht, es sind unsrer schon zuviel!