Da stehen sie am Ufer des Stroms, von Sonntag früh bis zur Abenddämmerung, im stechenden Sonnenschein und im Bindfadenregen, und warten und hoffen.
Ein viel beredteres Sinnbild der Hoffnung, als der Anker, ist der Fischer. Dieser Fischer, der in Hunderten von Exemplaren stromauf stromab steht und wartet und hofft, daß das Große geschehe. Seine Hoffnung ragt hinaus, wie die Gerte, die er unbeweglich über den geheimnisvollen Wasserspiegel hält.
Er hat das Seinige getan.
Er hat in seiner Blechdose schöngequollene, leckere Weizenkörner oder sorgfältig purgierte Regenwürmer, oder sein Eimer ist voll einer raffinierten Mischung aus Rindsblut und Kuhfladen, die er den Mönen zur Lockung hinwirft, damit sie den geronnenen Blutklumpen an seinem Angelhaken auch vielleicht mitschlucken.
Jetzt besteht sein Tagewerk nur noch aus Hoffen. Er hofft, daß sein Netz abends voll Rotaugen sein wird, er hofft, daß er am Weizenkorn vielleicht zufällig eine Barbe von drei Pfund fangen wird, und legt sich schon in Gedanken zurecht, wie er den ungebärdigen Kerl behutsam drillen und wo er ihn landen soll. Der Fall ist möglich, in Fischerkreisen erzählt man sich, wo und wem es passiert ist.
Oder er hofft, daß ein Hecht, sagen wir von vier Pfund, sich auf das Schneiderchen stürzen wird, das grade an die Angel gegangen ist, und wie er nach verzweifeltem Kampf den Räuber ans Ufer ziehen wird, jedem Verbot zum Trotz.
Oder er hofft auf das Ereignis seines Fischerdaseins, auf das Riesenexemplar, das er im Wirtshaus daheim zeigen wird, von dem sie noch Jahre lang reden werden, das ihn berühmt machen wird.
Er sieht die Fischpächter im Nachen dahergleiten, sicht den Mann vorn auf der Kahnspitze als malerische Silhouette stehen, einen Zipfel des Netzes zwischen den Zähnen, sieht ihn das Netz rund hinausschwingen und behutsam hereinziehen, sieht durch die Maschen die reiche Beute zappeln - und wollte doch nicht mit ihm tauschen. Denn er hat sein Hoffen liebgewonnen. Es geht mit ihm ans Fischwasser und brennt in ihm den Tag lang, wie ein Tempelfeuer, und geht mit ihm heim und zu Bett. Es füllt ihn, wie das Gas den Ballon, der sonnenwärts schwebt. Und es verklärt sich in ihm zu Humor, wenn er lange genug gehofft hat und immer wieder vergeblich. Dann verklärt sich seine Hoffnung zu Humor, um ihn zu trösten.
Der alte Herr, der dieser Tage in Remich gestorben ist, war einer von den Fischern, die sich mit Humor über verfehlte Hofsnungen trösten.
Er war Jahre lang in Amerika gewesen. Er erzählte:
„Kinder, das müßtet ihr gesehen haben, wie wir drüben die Forellen angelten! Die Forelle ist immer am gieperigsten auf die Fliegen, die grade am Wasser schwärmen. Wißt ihr, wie wir es machten, um die gewünschte Fliege in Mengen zu fangen? Wir hängten uns auf den Rücken ein großes Blatt Papier, das wir mit Fliegenleim bestrichen hatten. Diese Biester steckten wir an unsere Haken. Eine Fliege, eine Forelle!“
Er lachte nicht, wenn er es erzählte. Wenigstens sah man ihm nichts dergleichen an.
Der Tod hat ihm die Gerte aus der Hand genommen. Aber an frohen Tafelrunden werden sie noch oft seiner gedenken.