Original

18. September 1927

Sanft senken sich die Gartenstücke mit den grün umrankten Bohnenstangen, dem reifenden Runkelrübensamen, den unkrautbewucherten Kartoffelstücken, den Obstbäumen, an denen die Zwetschgen blau im Gezweig locken, die Äpfel sich röten, die Birnen wie schwerer Tropfenfall hängen - sanft senken sie sich dem hurtigen Bach zu und steigen jenseits wieder auf, zu den gelben Ackerbreiten, aus denen die Korngarben gestern, vorgestern in der flüchtigen Sonne eiligst heimgefahren wurden, zu dem dunkelgrünen Waldesrand.

Und an einem der harmlosen Drahtzäune, die die Bauerngärichen von einander scheiden, stehen hüben und drüben zwei Frauen und reden miteinander, Gott weiß, über was sie reden. Man hört sie bis herüber, aber man versteht sie nicht. Ihre Rede geht ununterbrochen, gleichmäßig fließend, wie das Gemurmel des Baches. Brauchen sie denn nicht Mittag zu kochen? Haben sie daheim nicht Kind und Vieh zu versorgen, Kartoffeln zu schälen, Windeln zu waschen, Strümpfe zu stricken? O ja, wahrscheinlich doch. Und sie werden kochen, waschen, füttern, Kartoffeln schälen, Bohnen fegen, alles was sein muß. Sie können das Wunder wirken, daß sie halbe Tage am murmelnden Bach, in grünen Gärten stehen und plaudern, und doch ihren Haushalt besorgen .....

Das Zügle schaukelt sich durch die Landschaft, an Dörfern, Gehöften, Villenvierteln vorbei. In einem der schönen alten Bauernobstgärten, die die herb duftenden Buchsbaumeinfassungen an den gelb bektesten Pfaden haben, stehen Birnbäume, die aus allen Zweigen die Tropfen ihrer edeln Früchte weinen. Es sind die alten bewährten Sorten, deren Namen klingen, wie die Namen berühmter Weinkreszenzen, die Louise Bonne und Doyenne und Beurré und Bergamotte und wie sie alle heißen. Oben in einem Hochstamm hängt hemdärmelig ein Mann und pflückt sorgfältig, zärtlich gradezu die schweren Birnen in einen Korb. Ich erkenne ihn im Vorbeifahren. Er ist Deputierter seines Wahlbezirks. Heute ist er mehr. Heute erntet er seine Edelbirnen. Heute ist er König in seinem Reich .......

Sie haben den ganzen Tag Sand gefahren. Jetzt ist Schicht. Sie haben einen ausgewachsenen Durst. Sie setzen sich an die gelbbraunen Wirtshaustische aus Apfelbaum und trinken Humpen. Immer noch einen. Er singt seine Lieder, immer noch eins. Er zieht seinen Rock verkehrt herum an und reißt aus seiner Mütze oben die Kappe heraus, daß die Haare aus dem Rand struppig herauswachsen. Er schminkt sich das Gesicht mit Ruß von der Maschine. Er stellt sich hinter einen Stuhl und predigt, wie der Pastor von Sinz. Er erzählt spassige Geschichten: Wie ihm am Meeresstrand drei Männer begegnet waren, der eine war unbekleidet, der zweite nackt und der dritte hatte nichts an. Dieser griff in die Westentasche und schenkte ihm einen Taler. Sein Kopf war ein Commersbuch, er wußte tausend Lieder am Schnürchen auswendig. Alle hörten ihm andächtig zu, und einer sagte zum andern, da müsse einer keinen dummen Kopf haben. Und zum Schluß machte er allerhand Kunststücke, richtig wie der Schang Beckerellt. Er feierte Triumphe, er war glücklich.

Schicht. Am Fabriktor. Das Tor geht auf. Die Scharen strömen heraus. Müde, abgespannt, unlustig, mißmutig, unwillig in ein Schicksal eingesperrt wie auf ein Schiff, von dem man nicht abspringen darf, wenn man nicht ertrinken will. Frauen, wie die, die in den Bauerngärtchen plauderten, Männer, wie die, deren Scholle ihnen Königreich ist, oder die, die unter freiem Himmel über der Fron den Humor nicht verlieren, - das wird aus ihnen, wenn die Landslucht sie den Städten zuwirbelt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3512