Diejenigen von uns, die um die 1880er Jahre herum für das Leben reif waren, werden sich noch der Assäre Peltzer erinnern. Zwei Belgier deutscher Abstammung, Leon und Armand Peltzer, den besseren Kreisen von Brüssel und Antwerpen angehörig und verschwägert, waren des Mordes und der Anstiftung zum Mord angeklagt. Das Opfer war der Rechtsanwalt Bernays aus Antwerpen, ebenfalls geborener Deutscher. Leon Peltzer hatte Bernays nach Brüssel in eine eigens dafür gemierete Wohnung, rue de la Loi, 159, unter dem falschen Namen Henry Vanghan bestellt, angeblich um ihn über ein großzügiges Geschästsunternehmen zu Rat zu ziehen. Er empsing ihn in einer Verkleidung, die ihn unkenntlich machte, ließ ihn vorangehen und schoß ihm eine Kugel in den Hinterkopf. Die Leiche ließ er in der Wohnung zurück und ging flüchtig.
Die Untersuchung führte zur Feststellung, daß der legendare Henry Vaughan nicht bestand, und daß der Mord von Leon Peltzer seinem Bruder Armand zulieb begangen worden war, um Bernays beiseite zu schaffen, in dessen Frau, geborene Pecher aus Antwerpen, Armand sich unheilbar verliebt hatte.
Nach langwierigen Gerichtsverhandlungen, bei denen Armand sowohl wie Leon eine Beeinflussung des letztern durch den Bruder leugneten und die Verteidigung den Nachweis zu führen suchte, der verhängnisvolle Schuß sei unabsichtlich im Verlauf einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Leon und seinem Opfer abgegeben worden, wurden beide Brüder vom Geschworenengericht des vorbedachten Mordes bezw. der Anstistung dazu für schuldig besunden und zum Tode verurteilt. Da in Belgien die Todesstrase nicht mehr vollzogen wird, wurden die Brüder Peltzer ins Zellengefängnis nach Löwen überführt, wo Armand nach zwei Jahren starb. Leon wurde nach dreißig Jahren Einzelhaft, die er nicht einmal durch einen Spaziergang im Gefängnishof unterbrechen wollte, um mit den Mitgesangenen nicht in Berührung zu kommen, als Fünfundsechzigjähriger provisorisch und widerrruslich in Freiheit gesetzt, unter der Bedingung, daß er Belgien verlassen würde. Das war am 11. Oktober 1911. Unter dem Namen Albert Preitelle lebte er noch elf Jahre von einer Rente, die ihm seine Schwester Frau Böcking aus Saarbrücken auswarf. Die meiste Zeit war er auf einer belgischen Teeplantage auf Ceylon beschäftigt. Nach dem Krieg ging es ihm andauernd schlecht und am 5. Juli 1922 suchte er freiwillig den Tod im Meer bei Clemskerke.
Der bekannte Brüsseler Journalist und Schriftsteller Gérard Harry hat über den Fall Peltzer in all seinen Zusammenhängen eine äußerst klare und erschöpfende Darstellung veröffentlicht, die im Verlag der Brüsseler „Revue Belge“ erschienen ist. Die fesselnd geschriebene Broschüre liest sich, nach einem landläufigen Ausdruck, wie ein Roman und der Verfasser verbrämt die Erzählung der Tatsachen mit zahlreichen psychologischen Erörterungen.
Trotzdem bleibt das Buch ein Schulbeispiel für die Romane, die das Leben schreibt, im Gegensatz zu denen, die in Schriftstellerhirnen wachsen. Man legt es aus der Hand ohne ein klares Bild der darin handelnden Persönlichkeiten, weil diese nicht Zug um Zug vor den Augen des Lesers emporwachsen, weil ihre Handlungen durch so unzählige, psychologisch unüberbrückte Abstände von einander getrennt sind. Das Buch enthält Porträts der Hauptpersonen. Leon Peltzer hat als Dreißiger das Gesicht eines unzufriedenen Genießers, einen breiten, dünnlippigen, halb schmerzlich halb verächtlich verzogenen Entenschnabelmund, als Greis das gütige, kluge Gesicht eines englischen Reverend vermischt mit dem eines philanthropisch gerichteten Arztes. Auf dem Bild seines Bruders, der einen schwarzen Sudermannvollbart trägt, sallen die verhalten aggressiven, unsicher lustigen Augen auf, die hinter dem Kneifer wie aus einem Hinterhalt hervorblitzen, und der Mund mit dem Ausdruck leise höhnender Energie auf den Lippen. Es ist ein Gesicht, von dem jeder beim ersten Blick sagt: Der Mann sieht einem Betannten ähnlich! Nur weiß man nicht, wem?
Aus dem Mörder aus Bruderliebe war im Lauf der dreißigjährigen Gefangenschaft ein so mildherziger Menschenfreund geworden, daß die Besitzer der Teeplantage auf Ceylon ihm verbieten mußten, den Schwarzen heimlich die Geldbußen zu erstatten, die ihnen wegen dienstlicher Versehlungen in seinem Betrieb auferlegt wurden.
Noch tiefere Rätsel geben die psychologischen Schwankungen im Wesen seines Bruders Armand auf.
Das Buch Harry’s ist interessant, nicht als Roman - was es auch nicht sein will -, aber als Unterlage für einen Roman, zu dem der Versasser vom Eigenen das Beste hinzutun müßte.