Es ist nicht mehr sehr weit bis zu dem Tage, wo unser Telephon seinen fünfzigjährigen Geburtstag wird feiern können. Bald wird unter uns keiner mehr leben, der die Zeit kannte, wo es noch kein Telephon gab.
Man sollte meinen, in diesen langen Jahren hätten wir uns kulturell mit dem Fernsprecher abgesunden. Ich verstehe es so, daß unsere Kultursormen, auf die wir stolz sind, auch den Fernsprechverkehr durchdrungen haben müßten.
Dem ist nicht so.
Es kann Ihnen passieren, daß Sie den höflichsten Menschen von Mitteleuropa am Telephon als ausgemachten Grobian kennen lernen. Gespräche, wie das folgende, gehören nicht zu den Seltenheiten: „Ist da Herr Müller?“ - „Nein, hier ist Herr Schulze. Wer spricht?“ - „Wenn Sie nicht Herr Müller sind, geht es Sie einen Dr ... an, wer spricht. - „Das ist eine Unverschämtheit!“ - „Ich habe weder Lust noch Zeit, mit Ihnen Liebenswürdigkeiten auszutauschen. Hängen Sie ein, Sie dreigestrichenes Rhinozeros mit Schwertern am Ring!“ - „Sie Oberkamel, Sie ...“ Klirrend fliegt die Kapsel an den Haken und ein nervöser Finger sucht neuerdings am Zifferblatt die Rummer zusammen.
Am Fernsprecher ist die Persönlichkeit in allem, was an ihr unmittelbaren Eindruck macht, was sichtbar und fühlbar ist, ausgeschaltet. Da stehen sich nur zwei wesenlose Stimmen, zwei Interessen gegenüber, keines durch die Sorge um den Effekt im Zaum gehalten. Das, was wir den Instinkt der Höflichkeit nennen, das anerzogene Bedürfnis, zwischen die rauhen Reibflächen des Verkehrs das Öl der gegenseitigen Rücksichtnahme zu flößen, das ist auf einmal geworden, wie ein Blinddarm, ein unnützes Organ, das man am besten herausschneidet. Manche freilich bringen es nicht fertig, sie lassen am Telephon den Höflichkeitsapparat mitlaufen, verbeugen sich, zupsen Weste und Kravatte zurecht, bevor sie den Hörer ans Ohr nehmen, lächeln verbindlich oder lassen tiefes Mitgesühl sanft aus ihren Zügen leuchten. Meist aber neigen wir am Telephon zur Grobheit. Wahrscheinlich weil wir uns zur Kürze verpflichten wollen und dabei in den Kasernenhofton verfallen. (Dies gilt natürlich nicht für die Frauen, die sich beim Telephonieren auf einen Stuhl setzen und die Pflicht der Kürze weit von der Hand weisen.)
Sie müssen zugeben, daß Sie einen Fremden, der Ihnen unversehens auf ein Hühnerauge tritt, nicht so zornig anschnauzen, wie einen Unschuldigen, mit dem Sie falsch verbunden wurden und der Sie harmlos fragt, ob Sie ihm sofort einen Waggon Kleesamen liesern können. Das alles nur, weil die Macht der Persönlichkeit ausgeschaltet ist, weil Sie dem Mann am andern Drahtende nicht direkt durch Ihre Persönlichkeit imponieren können, oder weil Sie nicht sehen, daß Sie bei einem Zusammenstoß den Kürzern ziehen würden.
Nirgends gibt man sich klarer Rechenschaft von der Tatsache, daß die materiellen Nöte unser Leben zu vier Fünfteln überschatten, als wenn am Telephon die durcheinander schwirrenden Gespräche durch Induktion zu hören sind. Fast immer handelt es sich da, direkt oder indirekt, um des Leibes Notdurft, ums Geschäft, das Essen und Trinken und was sonst gehört in die kleinsten Verteilungstanäle leitet.
Man hat noch keine Statistik darüber aufgestellt, in welchem Prozentsatz die Telephonbeamten bei der Bevölkerung der Irren- und Nervenheilanstalten vertreten sind. Daß nicht alle schon nach einem Monat verrückt werden, halte ich für das größte Wunder unserer Zeit.
Aber was ich hauptsächlich sagen wollte: Das Telephon ist gradezu wie eine Kloake, in die jeder seine Grobheiten, Unerzogenheiten, Unhöflichkeiten hineinlaufen läßt. Zu den letztern gehört es, daß manche sonst sehr wohl erzogene Lente am Telephon ihren Namen nicht nennen wollen. Sie rufen einen Bekannten an, an den Apparat kommt die Köchin und sagt: „Der Herr ist nicht zuhaus, soll ich ihm etwas ausrichten, und von wem?“ - „Ach nein, ich werde ihn schon selber finden, ich habe ihm sehr was Wichtiges zu sagen. Adieu!“ - Der Herr kommt nachhaus und schimpft die Köchin, daß Sie nicht nach dem Namen des Herrn gefragt hat, der ihm so sehr was Wichtiges zu sagen hatte. Und er regt sich auf und ist tagelang beunruhigt. Und weiß noch heute nicht, wer der geheimnisvolle Wichtigtuer war.