Es war drückend heiß. Lang, langweilig zog sich die Straße in der Nachmittagssonne hin. „Wenn nur was käme und mich mitnähme.“
Langsam kam ein Leiterwagen gerasselt. Ganz vorne auf dem einen Leiterbaum, hinter dem „Geck“, saß der Fuhrmann, hinter ihm auf den Brettern, die den Boden des Fuhrwerks bedeuteten, kauerte eine junge Frau mit zwei Kindern.
Das Pferd ging einen langen Schritt. Es kam nicht viel, aber immerhin ein bißchen schneller voran, als ich im Fünfkilometertempo.
Ob ich mit aufsitzen dürfe?
Ei freilich. Da sähe ich auch einmal, wie es sich auf einem „Sommerwagen“ fährt. Sie nennen ihn Sommerwagen, oder „heugeleiterten“, im Gegensatz zu seiner Wintergestalt, die aufs Mistfahren eingerichtet ist.
Ich also hinaufgeturnt. Seit meinen Kinderjahren, wo ich immer stolz war, auf einem Sommerwágen mit ins Heu zu fahren, hatte ich nie mehr auf einem solchen Leiterbaum gesessen.
Mein erster Gedanke war: Diese verdammte Bauverwaltung könnte dafür sorgen, daß die Straßen nicht so verboten holperig wären! Wenn du es nicht erlebt hast, machst du dir keinen Begriff davon, was wir in unserm Ländchen für holperige Straßen haben, sobald du Sommerwagen fährst. Der Leiterbaum, auf dem du sitzest, scheint dir unter den Stößen eines Lusthammers zu schüttern. Du willst reden und die Worte werden dir im Mund zu Schotter zerhackt. Du denkst: Hier ist allerdings ausgerechnet der unbequemste Platz. Die andern sitzen zweifellos viel komsortabler, sieh mal ihre zufriedenen, ja vergnügten Gesichter! - Du probierst eine andere Lage aus, sie ist nicht besser, als die erste. In Gottes Namen! Besser schlecht geritten, als stolz gegangen!
Aber das Training fehlt. Du wirst dir immer klarer der Tatsache bewußt, daß nach einer weiteren Viertelstunde deine Gedärme sich verknoten und deine graue Gehirnrinde sich in Brei verwandeln wird. Du willst deine Niederlage nicht eingestehen, also wartest du den nächsten Seitenpfad ab und sagst: „So, dante vielmals, hier bin ich!“ Und springst ab und tust, als seiest du dein ganzes Leben lang nicht anders gefahren, als auf einem Leiterbaum, der von einem Lusthammer getrieben wird.
Ich ging über den schnöde vorgeschützten Seitenpfad. Da stand eine Mähmaschine am Weg. Ich blieb stehen und versank in Gedanken beim Anblick des gußeisernen Führersitzes. Man sollte es nicht sagen: Eine Welt von Zusammenhängen und Offenbarungen tat sich vor mir auf.
Worin offenbart sich, dachte ich, mit in erster Linie die Rückständigkeit unserer Bauern, im weitern Sinn die Rückständigkeit des ganzen europäischen Lebenstempos gegenüber Amerika? Im tiefgehenden Mangel an Bequemlichkeitssinn, in einer Art heuchlerischer Askese, die das Streben nach Bequemlichkeit als weibisch und weichlich verpönt.
Da wir grade bei den Sitzgelegenheiten sind: Ist es nicht, als ob der Bauer das bequeme Sitzen als einen sträflichen Luxus betrachtete? Keines der fahrenden Geräte, die ihm bei seiner Arbeit dienen, verrät in seinem Bau die leiseste Absicht, dem Mann auch nur einen handbreiten Platz zum Sitzen einzuräumen. Sich fahren lassen ist schon ein Stück Liederlichkeit. Als Bank muß jedes Brett gut genug sein, das im Raum einen Stützpunkt gewährt.
Diese Sitz-Askese war nicht ausschließlich Merkmal der Bauern. Sie hielt die ganze Kulturwelt unter Druck, bis das Antomobil kam. Unsere alten Landauer, Breals, Viktorios, unsere bequemsten Kutschen waren Folterkasten gegen ein Luxusauto von heute. Ich behaupte, sogar den Klubsessel verdanken wir dem Auto.
Und dann kamen die landwirtschaftlichen Maschinen aus Amerika.
Es ist hundert gegen eins zu wetten, wenn ein europäischer Kleinbauer sie erfunden hätte, so bestände der Führersitz aus einem Brettchen so groß wie eine Zigarrenkiste. Die alte Askese! Der Amerikaner wußte: Je bequemer der Mann sitzt, desto länger hält er es aus. Und er baute einen Sitz, dessen angeschmiegte Form den Druck auf ein Minimum reduziert.
Da ist wiederum einer der zahlreichen kleinen Fingerzeige, wie - jawohl, meine Herren, wie die Landflucht zu bekämpfen ist.