„Frißt Sie der Neid, Herr Grimmberger?“
Er stand an der Neuen Brücke und sah einer majestätischen Panhard nach. Der Chauffeur sah aus, wie ein Gesandter, der Herr und die Dame hinter der zweiten Schutzscheibe hätten ein Königspaar aus Skandinavien oder dem Balkan sein können, der hinten aufgeschnallte Koffer tat vornehm, wie ein Lakai.
Grimmberger zuckte die Achsel, nahm mich scharf aufs Korn und sagte:
„Hören Sie, junger Mann, Sie haben mich beim Publikum in den Ruf eines alten Griesgrams und Nörglers gebracht. Damit stellen Sie Ihrer Menschenkenntnis ein erbärmliches Zeugnis aus. Jetzt möchten Sie mir auch noch den Neidhammel anhängen. Nein, ich beneide niemand, auch nicht um den herrlichsten Luxuswagen, so lange mich meine zwei Beine noch leidlich über die Landstraßen tragen. Aber ich freue mich darüber, daß heute soviel mehr Menschen die schöne wilde Welt sehen und im Anblick ihrer Wunder vielleicht sogar bessere Menschen werden. Sehen Sie dies?“
Und er fuchtelte mir vor den Augen mit einem zusammengerollten dicken Heft.
„Eine neue Tapete?“
„Lassen Sie Ihre faden Witze. Nein, keine neue Tapete, sondern das neue Heft der „Illustration“: «L’Automobile et le tourisme.» Wie meinen Sie? Lassen Sie mich bitte reden. Ich kaufe mir dies Heft jedes Jahr. Ich habe es auch jetzt wieder gekauft und mich schon daran gefreut viel mehr, als es mich gekostet hat. Hier, der Artikel zum Beispiel über die alten Brücken, Les vieux ponts de France. Sie haben ja mal über Brücken und ihren tieferen Sinn einigen Kohl geschrieben, hier könnten Sie Ihre Inspiration auffrischen. Gleich die erste der alten Brücken: Le pont Puiard, Semur-en-Auxois: Was sagen Sie zu diesem farbigen Bildchen? Ist es nicht wie unsere Corniche mit der Rückseite des Breitenwegs, die sich ein buntes Fastuachtsgewand umgeworfen hätte! Und hier, das Bild müssen Sie sich ansehen, die Ankunft beim „Weißen Rößl“, der burgunderwangige Wirt im weißen Küchen-Gala, im Dämmerbraun des Hintergrundes die Köpse der Küchenjungen, und die kupfernen Pfannen, vorn die Gäste - O Heimweh nach den Gasthäusern an den Heerstraßen, wo man mit lieben Freunden landet, hungrig und durstig, aber im Herzen guter Dinge! Und o Heimweh auch nach den traumverlorenen alten Städten, wo die Schätze aus Jahrhunderten ein verstaubtes Dasein führen und einen die Vergangenheit auf einmal so unheimlich klar aus ihren Mumienaugen ansieht, daß man Sehnsucht nach ihr bekommt! Sehen Sie, es ist mir heuer nicht besser ergangen, als allen, ich habe Wochen lang da draußen meine Feriengroschen auf Hotelrechnungen gelegt und gewartet, daß es zu regnen aufhören würde, ich bin heimgekommen in die Tretmühle des Tagewerks mit einem Stockschnupfen, und jetzt, hören Sie wohl, jetzt freue ich mich trotzdem, daß draußen die Welt schön ist, und daß die Sonne darauf scheint, wenn ich auch kein Auto und keine Zeit und auch kein Geld mehr habe, hindurchzufahren. Ich habe doch ab und zu mal ein Stück davon gesehen und lebe in der Hoffnung, daß ich vielleicht auch noch ein anderes zu sehen bekommen werde. Diese Nummer der „Illustration“ mit ihren herrlichen Bildern, die die Originale vortäuschen, ihren meisterhaften Aufnahmen, ihren Aufsätzen von literarischen Größen Frankreichs, ist für mich wie ein Katalog einer Firma, deren Spezialitäten ich mir auch nicht alle kaufen, aber für die ich mich begeistern kann. Die Firma ist die mehrerwähnte schöne wilde Welt, wie Nichard Dehmel sie richtig genannt hat, und daß die „Illustration“ so geschickt dafür Reklame macht, ist ein Verdienst um die Menschheit. Sehen Sie, die Bilder von Besançon, die Umgegend von Chambéry, die Bretagner Küste, die Dordogne und das Sarladais-Tal ..... hier, nehmen Sie das Heft mit nachhaus, studieren Sie es durch - ich wette meinen Kopf, morgen kommen Sie und sagen: Grimmberger, wollen wir zwei uns nicht ein Bootchen kaufen und ein paar Wochen auf der Dordogne herumrudern? Billig billig!
Nein, junger Mann, mich frißt nicht der Neid. Ich kann sogar in diesem Heft die Plauderei über den Auto-Salon von 1927 lesen, ohne die Gelbsucht zu bekommen. Im Gegenteil, ich bin stolz, eines von den Geschöpfen zu sein, die es, wie wieder ein anderer Artikel nachweist, von der alten Postchaise bis zum Auto gebracht haben, ich lächle sreundlich den hübschen Frauen zu, die mich aus den blanken Scheiben ihrer sehr teuren Luxuswagen ansehen, und ich denke mir: Mehr wie satt sehen könnt Ihr Euch auch nicht an aller Herrlichkeit der Erde.