Original

1. Oktober 1927

Das Taxi-Auto schwang rund und legte am Trottoir an, wo die Gäste des Pôle Nord ihren Verdauungskaffee tranken.

Der Schlag ging auf, ein feiner Frauenfuß, ein schlanker Knöchel, eine hellseidenglänzende Wade wurden stchtbar.

Ein einzelnes Bein ist an und für sich ohne Wert, ohne Bedeutung - wie ein einzelner Handschuh. Es zählt erst mit, ästhetisch, man möchte sagen ökonomisch, wenn es in dem dazu gehörigen zweiten seine Ergänzung findet. Dann erst zeigt es sich, wie es in der Harmonie des Ganzen besteht. Ein einzelner Ton kann nie ein Mißton sein. Er wird es erst durch den zweiten, der nicht zu ihm oder zu dem er nicht stimmt. Ein Mißton oder ein Wohlklang.

Diesmal stimmte es. Die Ergänzung, die Erfüllung, der Wohlklang stand da. Sie war es.

Natürlich, wer denn sonst! Es war eine Witterung von Pariser Boulevard-Asphalt und von StillerOzean-Badestrand-Salzwasser-Frauenparfüm um sie. Die Phantasie umbante ihre Gestalt im Nu mit den phantastischen Rahmen, die um sie gewesen waren: Folles Bergère, Ozeandampferluxus, lichterstrahlende Bühne, wo sie gegen die Schönheiten der Welt abzustechen hatte und abstach.

Miß Luxemburg - Rose Blang - als schönste Europäerin in Galvestone amtlich abgestempelt - sie ist wirklich aus Differdingen, sie spricht wirklich luxemburgisch, sie heißt wirklich Pauline Kemp, und ihre Mutter war das schöne Gretchen, Margarete Conter von irgendwo aus dem Kanton Remich. Und sie ist in Differdingen aufgewachsen, sie hatten in ihrem Garten zuhaus „eine Turnstange“, davon ist sie so geschmeidig geworden. Ihre zwei Schwestern, die nach dem ersten Bett Blang heißen, sind Tänzerinnen in Paris. Sie, die jüngste, hat nun mit dem Galvestoner Sieg ins Fettnäpfchen getreten. Kino und Bühne, Brettl und Überbrettl zielen nach ihr mit den verlockendsten Kontrakten. Eine Auslese aus dem Haufen von Heiratsanträgen, die ihr seit Galveston zugingen, ergibt immer noch einen kleinen Koffer voll. Und sie lacht darüber, sie hat Humor. Aber sie hat auch Ernst, wenn es sein muß. Sie ist gescheit genug, sich nicht wegzuwerfen. Sie ist keine Kokette, aber sie weiß, was sie wert ist. Bei Bedarf sagt sie es. Ohne Überhebung, sehr sachlich und freundlich. Keine Angst, sie wird nicht im Graben landen. Davor schützt sie ihre lustige Rüchternheit. Es ist klare Luft um sie.

Man darf von ihr reden, denn sie hat es erreicht. Sie durfte schön sein, wie sie ist, noch schöner, die schönste der Welt und hätte sich auf die Dauer doch nicht durchgesetzt ohne den nötigen Ballast. Sie ist dadurch auch ein interessanter Fall Mensch. Sie steht über sich, sie verwaltet sich klug und lächelnd. Ihr Lächeln ist ansteckend und gütig, sie hat etwas madonnig Nachsichtiges in ihrem Wesen. Die Schranke ist da, aber sie ist malerisch drapiert.

Ich glaube, wenn ich ihr im hintersten Urwald begegnet wäre, hätte ich - nicht auf Anhieb, aber nach ihrem ersten Lächeln und ihren ersten Worten, zu ihr gesagt: Fräulein, Sie sind ein luxemburger Mädel, leugnen Sie nicht, ich habe Sie durchschaut. Und sie hätte wahrscheinlich gesagt: Warum soll ich leugnen? Ich habe gar nicht das Bedürfnis, etwas anderes zu sein. Ein luxemburger Mädel kann so schön und so klug sein, wie andere auch. Wir sind von gutem Stoff, wir haben es in uns, wir brauchen nur den Schliff, so glänzt das Material in all seiner Echtheit. Die untergehen, waren nicht die Richtigen, nicht von der alten Erde.

So und ähnlich hätte Miß Luxemburg sicher geredet.

Heute abend tanzt sie im Pôle Nord.

Warum sollen wir sie weniger feiern, als wir Frantzen Nik geseiert haben?

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    Katalognummer BW-AK-015-3523