Original

4. Oktober 1927

Eine Reise-Erinnerung, die in diesen Tagen vielleicht zum Nachdenken anregt.

Es waren wundervolle Augusttage im Burgunderland. Wir hatten in Dijon im Hause der drei Fasanen bei Racouchot, dem Caruso der französischen Gastronomie, ein bescheidenes Nachtmahl eingenommen, in demselben Stübchen, in dem schon so viele denkwürdige Messer- und Gabelschlachten geschlagen worden sind. Wir hatten 1919er Richebourg aus kinderkopfgroßen Kristallbechern getrunken, hatten mit angefeuchteten Fingerspitzen die Becherränder wie Saiten gestrichen, daß sie gleich Ätherharfen sangen; wir waren durch die gottgesegneten Gaue gefahren, wo der Pomard und der Volnay und der Nuits St. Georges und ClosBougeot reifen, wo die Quelle der Cuzanne aus den Felsen gleißend herausschießt, wie eine Schlange; wir hatten im Hotel zur Post in Beaune vom Vater Chevillet die grausige Mär von den Amerikanern bestätigen gehört, die ihren alten ehrwürdigen „Hospice“, einen Wein, von dem Tote wieder lebendig werden, mit Wasser verdünnt hatten. Es sang in und um uns vom rubinroten Wein von Burgund. Da fuhren wir eines sonnigen Vormittags durch VosneRomanee. Es muß an einem Montag gewesen sein. Die Gelöstheit der Sonntagsstimmung irradierte auf die Gemüter. Das Arbeitsschwungrad der Woche war noch nicht auf Touren. Die Leute standen hemdärmelig beieinander oder saßen vor den Wirtshäusern bei einem Gläschen Cassis. In einem Hoftor lehnte ein Mann, dessen Gesicht uns solches Vertrauen einflößte, uns derart anheimelte, daß wir hielten in dem Bewußtsein, mit ihm sprechen zu müssen und dann sicher etwas Angenehmes zu erleben. Er hatte die Züge, die man viel bei lothringer Bauern findet, eine schöne, vornehme Mannbarkeit, die Freundlichkeit, die eine Ausstrahlung bewußter Krast ist, ausdrucksvolle braune Augen, hellbrauner, hängender Schnurrbart über energischem Kinn. Das alles tut freilich nichts zur Sache, aber es trug zur Gesamtwirkung bei, zum Gefühl des Heimischseins.

Wir frugen ihn nach den Herbstaussichten. Das hängt jetzt alles vom September ab, meinte er. - Ob man bei einem Winzer eine Kellerprobe veranstalten könne? - „Da treffen Sie den Richtigen,“ sagte er lachend. „Ich bin der Kellermeister unseres Winzersyndikats, drüben ist unser Lager, kommen Sie mit, Sie werden kosten, so viel und so lange Sie wollen.“

Da lagen die neuen, mattgelben Stückfässer des Vierundzwanziger in langen Reihen, wie die Kinderbettchen im Schlassaal eines großen Warenhauses. Wir probten und probten, Faß nach Faß. Das Licht, das durch die Kellerluken fiel, funkelte in den vollen Gläsern wie in Kirchenfenstern. Wir frugen den Kellermeister nach dem Geschäft und der freundliche Mann gab uns besonnene Auskunst.

„Es geht halt wieder, seit wir uns richtig organisiert haben. Erst hatten sich alle zusammengetan, die Besitzer der Weltmarken, wie drüben aus dem Schloß der Graf Liger-Belair, die Großproduzenten und die kleinen Weinbauern. Auf die Dauer stellte sich heraus, daß man einen Fehler gemacht hatte. Die Spitzenproduzenten haben ganz andere Interessen, als die Besitzer der großen Weinbauflächen, auf denen nicht der beste, aber guter Burgunder wächst, und die Besitzer der kleinen, verstreuten Parzellen sind in ihren Interessen wiederum nicht solidarisch mit den zwei andern Gruppen. Das sah schließlich jedermann ein und wir einigten uns als gute Freunde einträchtiglich auseinander. Wir Kleinwinzer verwalten unsere Produktion, wie es sich am zweckmäßigsten für uns herausgestellt hat, die andern tun desgleichen, keiner kommt dem andern ins Gehege und alle kommen dabei auf ihre Rechnung.“

Er ließ noch einmal aus der Pumpe die Gläser voll laufen und sagte:

„Wenn nur ein Drittel von dem Zeug, das in der Welt als Burgunder verzapft wird, aus Burgund bezogen werden und in unsern Weinbergen wachsen müßte, wären nicht Hände und nicht Weinberge genug zwischen Dijon und Macon. Hole der Teufel das Schmierervolk, das aus Birnenviez unsere schönen Creszenzen nachmacht und darauf mehr Geld verdient, als wir auf unserm echten Wachstum. Schlage die ganze Purgierkraft ihres Rohstosses ihnen miteinander ins Gedärm!“

Also der Winzersmann von Vosne-Romanee.

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    Katalognummer BW-AK-015-3525