Original

5. Oktober 1927

„Ist dies eine gute Birne?“

„Die dort im Schaufenster?“

„Jawohl.“

Das Gesicht der jungen Verkäuferin verklärt sich mit einem Ausdruck himmelbeschwörender Wonne.

„Die? Das glaube ich! Es ist eine Butterbirne!“

Sie war tatsächlich süß und saftig. Sie hatte die Farbe des Grauapfels und in all ihrer Süße war tief und kaum merklich ein Schuß würgender Herbheit versteckt, wie um die Süße noch verführerischer zu machen. Weibertrick.

Jetzt ist die Zeit der Birnen.

In meiner Erinnerung klingt ein Vers, ich glaube, er ist von Freiligrath Er kann aber auch von Rückert sein. Nein, er ist doch von Freiligrath. Ein Beduinenscheik sieht ein Goldstück mit dem Kopf des großen Napoleon und will es nicht glauben, daß dies der Held sei, der die Welt bezwang. „Sein Kopf gleicht einer Birne,“ sagt er verächtlich.

Was hatte Freiligrath gegen die Birnen? Hat sie das um uns verdient, daß die Dichter sie der Verachtung preisgeben? Mit nichten. Wenn die milde Erfüllung des Herbstes einsetzt, ersahren wir sie doch schließlich zuerst an der Birne. Der Apfel, ist er einigermaßen aus besserem Geschlecht, ist zurückhaltend, ungütig, hart und sauer. Aber wieviel sind der Birnen, die schon jetzt, ohne winterliche Nachreife, Zunge und Gaumen mit Süße und Duft erfreuen! Es muß überhaupt wundernehmen, daß Eva damals im Paradies an ihren Adam nicht mit einer Birne, statt einem Apfel herangetreten ist. Denn Birnbäume muß es dort auch schon gegeben haben, da die Botaniker die Wiege des Birnbaums u. a. in die Umgegend des Paradieses verlegen. Eine saftige, duftende Birne würde uns als Symbol der ersten Sünde wahrhaftig besser einleuchten, als der beste Apfel, den wir kennen.

Nach Lucas (s. Meyers) unterscheidet man Butter-, Halbbutterbirnen, Bergamotten, Halbbergamotten, grüne Langbirnen, Flaschen-, Apothekerbirnen, Russeletten, Muskateller-, Schmalz-, Gewürzbirnen, längliche und rundliche Kochbirnen, längliche und rundliche Weinbirnen. Liegt nicht schon in all diesen Namen Süßigkeit, Milde, Labsal, Aroma, Lockung und Gewährung beschlossen? Der Apfel hat sich gleich der höchsten Titel bemächtigt und seinen Namen mit Paradies und Liebe gekoppelt. Aber der Paradiesopsel ist eine unreife Zitrone und der Liebesapfel ist auch kein Apfel, sondern ein Gemüse.

Dagegen die Birne! An was alles die erinnert! An Butter an Muskateller, Schmalz, Gewürz, Wein, an alle Gaumenlockungen.

Lucas hat die Herrenbirne nicht mit aufgezählt. Sie wuchs im Pfarrersgarten und war schlank, gelb mit roten Bäckchen. Sie spritzte Saft, wenn man hineinbiß, und duftete, wie wenn ein Parfumfläschchen entkorkt wird. Sie war im Leben eines Dorfjungen ein Ereignis. Denn Tafelbirnen wuchsen keine auf der Gewann. Die asketische Sachlichkeit der Bauern sah den Zweck der Birne lediglich im Viez und Branntwein. Die Pontebirnen und Kruutebieren und Karesser waren herben und abweisenden Charakters, mißtrauisch gerbsauer und adstringierend wie Alaun. Erst wenn sie vom Lagern mürb und teig geworden waren, konnten Zunge und Gaumen sie zur Not bezwingen, doch lange hielten sie es bei keinem aus. Aber die Bäume, auf denen sie wuchsen, standen in den Äckern wie Wahrzeichen, nach denen ganze Geschlechterreihen sich orientierten, und die Möbel, die aus ihrem Holz gemacht werden, haben Ewigkeitscharakter.

Wenn ich an Birnen denke, fällt mir ein Name ein, der ihr Wesen zusammenfaßt: (Louise Bonne). Jede Luise ist an und für sich ein Geschöpf, das von Sanftheit, Milde und Güte übersließt, und wenn sie dazu auch noch Bonne, die Gute, heißt, so muß jeder zugeben, daß ein passenderer Name nicht für die Birne gefunden werden konnte, die als Louise Bonne d’Avranches alljährlich um diese Zeit den Obstfreunden im Munde zerschmilzt.

Und wie sollten wir deiner nicht gedenken, o gebackene Birne unsrer Kindheit, deines zähen, süßen Fleisches und der braunen Birnenfladen, die an den Rändern den köstlichen Karamelgeschmack hatten!

Oder haben die heutigen unbegrenzten Möglichkeiten der Delikatessenbeschaffung auch Euch schon verdrängt?

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    Katalognummer BW-AK-015-3526