Original

6. Oktober 1927

In der Hauptsache ist nunmehr die Freiheitsavenue straßenbaulich in einem solchen Zustand, daß sie sich vor den Fremden - von den Einheimischen zu schweigen - nicht mehr zu schämen braucht. Sie hat wirklich vornehmen Großstadicharakrer, in ihrer ganzen Anlage wie in den einzelnen Bauten.

Die Straßenhälfte links in der Richtung zum Bahnhof zeigt, von den Gummirädern und den Luftwirbeln der Autos blankgefegt, die helle Farbe des Granitpflastets und flößt auf Hunderte von Metern Vertrauen ein, wo sich früher eine breite Dreckpfütze dehnte, vor der man schauderte.

Rechts aber, zumal über die Adolfbrücke, schneiden die Bahngeleise immer noch durch eine mehrere Zoll dicke Schmutzkruste, die wie eine Haut das Pflaster überzieht. Worauf wartet man, bis man sich entschließt, den ganzen Straßenzug einmal blank zu scheuern? Ist man von all den Jahren her so sehr an den Dreck gewöhnt, daß man ihn nicht ganz entbehren kann und wenigstens ein kleines Überbleibsel als Andenken aufbewahren will?

Nun, nachdem unter großen Kosten endlich, endlich! dieser Hauptzugang zur Stadt das Aussehen erhalten hat, das er haben mußte, um kein Schandfleck zu sein, stellt sich die Frage: Was wird mit dem freien Platz gegenüber der Arbed-Zentrale?

Heute ist er ein wüstes Chaos von Schutt und Pflastersteinen, das proletenhaft die prunkende Reihe der hausteinernen Fassaden unterbricht.

Was wird er übers Jahr, was wird er über zehn Jahre sein?

Es gab hier einmal vor vierzig, fünfzig oder mehr Jahren eine Piquet-Frage. (Nichts vom Kartenspiel.) Nämlich die Frage, wie die aus der Festungszeit stammende wüste Ecke am Piquet stadtwürdig hergerichtet werden sollte. Wie und wann? Es dauerte Jahrzehnte, bis sie ihre Lösung fand. Es dauert hier alles Jahrzehnte, bis es eine Lösung findet, wenn es sie findet. Man erinnere sich jener andern Fragen, die alle drei Jahre der Volksseele als Heizmaterial untergeschoben wurden: Piff-Frage. Clausener Halt, Glockenspiel u. s. w. u. s. w.

An der Merlerstraße führt neben dem alten Oktroihäuschen das Pflastersteinlager der Bauverwaltung seit Menschengedenken ein beschauliches Dasein und scheint die von dieser Seite hereinfahrenden Touristen mit dem schönen alten Sang zu empsangen: Immer langsam voran, immer langsam voran! An jener Ecke könnten längst ein paar anmutige Villen stehen und für den Schönheitssinn der Behörden und Einwohnerschaft zeugen.

Soll man nun nicht ängstlich werden bei dem Gedanken, daß der große freie Platz an der Adolfavenue als Pendant zu dem Baumaterialienlager an der Merlerstraße Jahrzehnte lang gedacht sein könnte? Sollen von nun an bis in alle Ewigkeit - für uns, die Lebenden, die auf den ästhetischen Ausbau unserer schönen Stadt neugierig sind, bedeuten Jahrzehnte eine Ewigkeit -, sollen von nun an die Fremden, die hier absteigen, den Hotelportier immer wieder fragen: „Warum liegt denn an Eurer schönsten Straße ausgerechnet inmitten dieser scheußliche Platz mit Stein- und Schutthaufen?“ Und soll der Portier immer wieder die Achseln zucken und sagen: „Ja, das weiß ich nicht. Das war immer so.“

Zugegeben, daß die Bebauung oder sonstige Verwendung dieses Platzes erst nach reiflicher Überlegung stattfinden darf. Es ist stadtseitig die letzte Lücke in der Flucht der Fronten, von denen manche in ihren Formen und alle in ihrer Materialechtheit eindrucksvoll wirken. Eine schönheitswidrige Lösung würde das ganze Straßenbild auf immer verhunzen. Doch Überlegung hin Überlegung her, wenn Schwierigkeiten zu lösen sind, so soll man nicht nach jenem senilen dilatorischen Versahren darauf warten, bis die Zeit sie köst, sondern durchgreifen, ehe die Zeit vielleicht die schlechteste aller Lösungen aufzwingt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3527