Daß die stärkste Umwälzung einer- und Standardisierung andererseits in der weiblichen Mode dem Auto zu verdanken sind, daran zweifelt kein Kulturmensch, der unter die Oberfläche der Dinge zu sehen gewohnt ist. Die Hüte, die ein Ziel der Winde waren, von den Damen beinahe dieselben Equtlibristenkunststücke forderten, wie die Körbe und Wasserkrüge, die in manchen Gegenden die Frauen auf dem Kopf tragen; das Korsett, das ein langes Sitzen auf demselben Fleck zur Qual machte; die langen Kleider, die beim Ersteigen einer Treppe oder eines Wagentrittbrettes vorne hoch gehoben werden mußten - woher Hände genug nehmen? - sie alle sind den Notwendigkeiten gewichen, die die Verallgemeinerung des Autos zur Folge hatte: der Notwendigkeit, in einem Durchschnittstempo von sechzig Stundenkilometer den Wind zu schneiden, lange Stunden gewiegt und zuweilen geschüttelt im selben Sitz zu verharren, rasch und anmutig den Wagen zu besteigen und zu verlassen, ohne die Feierlichkeit eines alten Ritterfräuleins. Und solange das Auto besteht, wird es keine Rückkehr geben zur Prüderie der früheren weiblichen Toiletteformen.
Aber der Einfluß des Autos geht weiter. Es wirkt gesellschafts- und völkerpädagogisch und wird in dieser Richtung immer weiter wirken.
Es lehrt, wie kein anderes Kulturinstrument, die Menschen gegenseitige Rücksicht. Lehrt jeden sich der Tatsache bewußt bleiben, daß er nicht allein auf der Welt ist. Seine schlimmsten Auswüchse zeitigt der Individualismus in kleinen Verhältnissen. Dort geht der Mann über die Straße und trägt Stock oder Schirm wagerecht unterm Arm, als sei es vollkommen ausgeschlossen, daß sich um ihn herum jemand bewegen darf, dem er mit der Spitze seines Stocks oder Schirmes die Augen ausstechen könnte. Wer in der Londoner City Stock und Schirm wagerecht unterm Arm tragen wollte, würde gelyncht, wenigstens moralisch.
Die Rücksicht, die ein Mensch auf den andern nimmt, entspringt nicht seinem freien Willen, sondern der Anpassungsnotwendigkeit. Die Anpassungsnotwendigkeit entsteht durch Anhäufung und Bewegung. Kantige Steine in einem Wagen sacken sich erst, wenn der Wagen fährt; und je schneller er sährt und je stärker er rüttelt, desto genauer passen sich die Steine ineinander. Man kann sie freilich auch durch die Dampswalze zwingen, ihre Individualität aufzugeben und sich ins Ganze zu fügen, aber dabei werden sie zermalmt und zermürbt, und die Straße wird davon nicht besser.
Das Auto bringt die beiden Voraussetzungen, von denen die Rede geht, mit sich: Anhäufung und Bewegung. Jeder führe natürlich am liebsten so rasch und ungeniert, wie es ihm am besten paßt. Aber die Rücksicht auf die andern zwingt ihn zur Einschränkung. Und da kommt dann die Wirkung in umgekehrter Richtung: daß nämlich die Rücksichtnahme auf die andern das allgemeine Tempo beschleunigen hilft.
Auf einer Fahrt mit Freunden wäre unser Wagen eines Tages aufs Haar in einen andern gerannt, der vorauffuhr und ohne Signal plötzlich nach der Seite abbog, wo wir grade rollten. Heute ist es undenkbar, daß in einem solchen Fall der Chauffeur des ersten Wagens nicht durch Handausstrecken den Nachfahrenden warnt. Die Einrichtung des Richtungspfeils bürgert sich immer mehr ein, desgleichen das Signal der Vierradbremse und andere Neuerungen, die bei der Schnelligkeit des Autoverkehrs die Gefahren vermindern sollen. Früher kam es gleich zum Kladderadatsch und bei glücklich vermiedenem Zusammenstoß zu wüsten oder hochnäsigen Schimpfereien zwischen den Parteien.
Wenn es wahr ist, daß die Gesittung vom Einzelnen zum Allgemeinen sich entwickelt, ist die Hoffnung gestattet, daß zwischen den Völkern auch vielleicht einmal etwas eingesührt wird, wie eine AutoVerkehrsordnung mit Richtungspfeilen, Stopsignal und dergleichen.