Original

9. Oktober 1927

Ich möchte Ihnen heute ein paar (Wahrheiten) zum Nachprüsen unterbreiten.

Beredsamkeit ist oft nur der Mangel an Angst vor Dummheiten, die man sagen könnte.

Es ist noch kein Meisterwerk entstanden, dessen Urheber nicht überzeugt war, es besser zu können, als alle andern.

Bescheidenheit im Munde eines Redners und Schriftstellers ist Heuchelei.

Als ein Freund von mir vor Jahren seinen ersten öffentlichen Vortrag über Detlev v. Liliencron hielt - er war damals noch viel jünger, als ich, das gleicht sich immer mehr aus - sagte ich zu ihm: „Du mußt nur denken, daß alle deine Zuhörer von deinem Thema nichts, höchstens wenig, jedenfalls viel weniger wissen, als du, so wirst du nichts von Lampenfteber spüren.“

Er lächelte überlegen und antwortete: Ich weiß Bescheid. Der Redner, der nicht alle seine Zuhörer für d .... L .... hält, wird es nie zu einigem Schwung bringen.

Er ist einer der schwungvollsten Volkstribunen des Landes geworden.

Ich habe unsere jungen und jüngsten Dichter in Vers und Prosa im Verdacht, daß ihre Eingebung zumeist aus dem Wörtchen „auch“ fließt.

Sie lesen einen Gedichtband, ein Drama, ein Lustspiel, oder sehen es im Theater; sie lesen von lorbeerüberschütteten Geburtstagen der Dichter, von Triumphen und Tantiemen der Dramatiker, von Schlössern, die sich Sudermann und Herzog kaufen, von Villen, die sich de Flers und Bernstein bauen, von Millionen, die Bernhard Shaw verdient - und sie fühlen den Mut in der Brust und sagen: Das kann ich auch!

Sie sind wie die männliche und weibliche Jugend im Bannkreis von Hollywood, wo die Kinder schon in der Windel davon träumen, auch einmal ein Douglas Fairbanks oder eine Mary Pickford zu werden; wie die spanischen Knaben, die alle in sich den Beruf des Matador verspüren; wie die kleinen Mädchen von Differdingen, die sich vor den Spiegel stellen und nicht einsehen, warum sie nicht auch einmal in Amerika einen Schönheitspreis bekommen sollten.

Die Befeuerung, die nur durch das Beispiel kommt, führt in die Wüste, wenn dahinter nicht der starke Eigentrieb wirkt. Sie erzeugt den Schweif hinter dem Kern des Kometen. Die Kunst, zu der sie den Anstoß gibt, ist Kometenschweifkunst, ist „Auch-Kunst“, Aber der Kern allein wird dauern.

Ich sagte: Bescheidenheit im Munde eines Redners oder Schriftstellers ist Heuchelet.

„Wahre Prinzen aus Genieland - Zahlen bar, was sie verzehrt“ - brauchen also nicht bescheiden zu sein.

Der Spruch, daß nur Lumpen bescheiden sind, läßt sich auf die Meister des geredeten und geschriebenen Wortes anwenden.

Wer also ein Meisterwerk schaffen will, muß daran gehen mit dem festen Glauben an seine Berufung, mit dem festen Willen, etwas zu schaffen, was nicht etwa beinahe oder ebensogut wäre, als das Bestehende, sondern besser, Und wenn er wirklich zu den Auserwählten gehört und überzeugt ist, daß er Bleibendes geschaffen hat, so wird keine Kritik und keine Intrige und kein Unverstand seinen Stern am Aufgehen hindern.

Er kann warten.

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    Katalognummer BW-AK-015-3530