Vielleicht liegt das Glück der Kindheit zu einem großen Teil darin, daß Kinder für Tragik keinen Sinn haben. Anders sind sie frühreife Ausnahmefälle. Sie bringen es fertig, den traurigsten Vorgängen eine humoristische Seite abzugewinnen.
Der kleine Ditt, der meinen Fischkorb trug, wußte von jeder Stelle am Bach eine Geschichte zu erzählen und an jede Begegnung ein Stückchen Biographie zu knüpfen. Er sagte, wenn ein Junge mit einer Kuhherde vorbeikam: Die Familie, das sind die frechsten im Dorf. An dem langen, trägen Mühlenteich, darch dessen tiefblaugrüne Wasser man nicht mehr auf den Grund sah, zeigte er mir die Uferstelle, wo er einmal hineingefallen und aufs Haar ertrunken war. „Sechs Meter hat der Teich,“ sagte er stolz. Und dann erzählte er mir die beiden traurigen Geschichten, die er so drollig fand.
Die erste handelt von einem Krämer, der krupps gegangen ist. Er war kein dummer Mann, aber er brachte es zu nichts. Er mußte schließlich das Geschäft aufgeben. Er hatte nichts aufgesteckt. Im Gegenteil. Und das alles wegen diesem dummen Mädchen.
Oho, dachte ich, kleiner Ditt, was weißt du schon von diesen dummen Mädchengeschichten? Laut fragte ich: „War es eine Mädchengeschichte?“
„Sie war einmal zu dumm,“ fuhr Ditt unbeirrt fort. „Wenn man für zwei Pfennige Bongbongs bei ihr kaufte, gab sie einem für fünf. Was meinen Sie, das schlägt ins Geld. Und da hat ihr Alter natürlich das Rad geschlagen.“
Und Ditt schlug sich in der Erinnerung an so’n Pech auf den Oberschenkel und schüttelte sich vor Lachen, während er seine Ansicht von dem Fall in die Worte kleidete: „Da muß eine doch schon dem Einfalt aus der Hotte gefallen sein.“
Einmal blieb der kleine Ditt am Teichuser stehen und sagte, wiederum nach einem Anfall von Heiterkeit: „Hier ist einmal ein Mann hineingesprungen.“
„Konnte er denn schwimmen?“
„Ach nein! (Gelächter.) Seine Frau hatte ihn so gepiesackt. Unten am Wehr haben sie ihn morgens herausgezogen. Er stand aufrecht im Wasser.“
„Hatte er sich einen Stein an den Fuß gebunden?“
„Ach nein, ich habe keinen Stein gesehen. Aber er stand schön stramm aufrecht im Wasser.“
Diese anfrechte Stellung des Ertrunkenen war eine Quelle lauterer Heiterkeit für Ditt. Und eine andere, noch ergiebigere Quelle war der Anlaß zum Freitod des Ertrunkenen.
„Sie hatten einen Ochsen zu verkaufen. Da hat ihn der Mann verhandelt und die Frau hat gesagt, er hätte ihn hundert Mark zu billig gegeben. Da hat sie ihn alle Tage so geärgert, daß er gesagt hat: Jetzt geh ich ins Wasser! Und hineingegangen ist er.“
Für Ditt war es, als hätte der Mann damit einen vortrefflichen Witz gemacht. Zugleich imponierte es ihm, daß er wirklich Wort gehalten hatte. Und ein wenig Genugtuung empfand er sichtbar auch über den Schabernack, den der Mann seiner bösen Frau angeran hatte.
Das schönste aber war zweisellos, daß der Tote aufrecht im Wasser stehen geblieben war.
Die Einstellung meines kleinen Freundes zu den Dingen des Lebens ist weder von Mitleid noch von Sentimentalität beeinslußt.
Er ist eben noch ein Kind.