Original

12. Oktober 1927

Gegensätze. Die Welt ist voll davon. Aber nicht immer stoßen sie so malerisch aufeinander. Wurzeln nicht immer in solchen seelischen, gesellschaftlichen, kulturellen Tiefen.

Dreimäderlhaus, Miß Luxemburg, Nik Frantz et caetera. Die Caetera sind es, die den Gegensatz bis ins Ätzende verschärfen.

Wien, Franz Schubert, Musik, Wiener Maderln; gemütliches Stimmungszwielicht. A bisserl Lieb, a bisserl Treu, a bisserl Falschheit, Wein, Humor, Schwips, Burleske. Die süßen Lieder klingen, ich schnitt es gern in alle Rinden ein! Die Liebe geht durch’s Blut wie langsames Fieber, sie will ihre Zeit haben, sie geht durch alle Stadien der Angst und Wonne, jauchzt himmelhoch, ist zu Tode betrübt. Otto Nerz fingt, daß einem die Lungenflügel beben und das Herz einen Satz nach dem andern tut, Toni Cressin ist ein Hannele zum Fressen, aber der Franzl, der dumme, hat die Kurage zum Zubeißen nicht, vor lauter Musik, und er wächst ins Verzichten wonnevoll hinein, wie ein Heiliger mit Wollust Buße tut und fastet und sich den Rücken geißelt.

Liebe, Freundschaft, Verzicht, Gemütlichkeit, Wean, Humor mit der Träne im Augenwinkel, Dreimäderlhaus.

Busineß, Strebertum, Paraître, Geschäft, hart auf hart - das war der Gegensatz. Frauenschönheit, Männerkraft - Rohmaterial der Liebe - vom Geschäft ins Schlepptau genommen.

Gemütlichkeit, Natur, Schlichtheit, Materialechtheit, alles da: In den Wangengrübchen der Miß Luxemburg, im biedern Angesicht und den kräftigen Fäusten des Tour de France-Siegers. Aber ihnen dicht auf ist das Geschäft, das die Begeisterung für sie ausmünzt. Wien - Galveston. Wir haben keine Zeit mehr für das langsame Fieber „Liebe“, das durch die Adern schleicht und ohne operativen Eingriff nach alten Naturgesetzen verlaufen will: Ansteckung, Inkubation, Ausbruch, Entwicklung, Krisis, Klimar, Genesung oder Heirat. Womit man früher - in Wien, zu Franz Schuberts Zeiten - gute alte brave Liebe machte, damit macht man heute Geschäfte. Wir sind gegen damals wunderbar sieberfrei. Verliebtheit ist Zeitverlust. Den Dingen aus dem Dreimäderlhaus steht unsere Zeit kühl bis ans Herz hinan gegenüber, mit der Überlegenheit dessen, der die Dinge überblickt und weiß, was hinter dem Dickicht kommt, in dem die Nachtigallen schlagen.

Mit den nationalen Trägern von Kraft und Schönheit ließ es sich das Geschäft nicht genug sein. Die Wohltätigkeit kam als zweiter Schlepper hinzu. Über sechstausend Francs sind für die armen Kleinen dabei herausgesprungen. Es galt nur, zuzugreifen. Busineß hat zugegriffen und alle kommen auf ihre Rechnung, die Gebenden wie die Nehmenden.

Es klingt einigermaßen komisch als Gegensatz: Franz Schubert - Brussel’s Tailors. Aber die Komik ist nur äußerlich. Im Innern birgt der Gegensatz eine anschauliche Lehre von dem, was war, was ist und was sein wird. Wenn ein Richter von Denver über die amerikanische Jugend von heute, wie er sie kennt, unerwartete Dinge erzählt, so braucht es nicht langen Nachdenkens, um jenes und dieses in tieferen Zusammenhang zu bringen. Im kühlen Wind der Sachlichkeit von heute würde trotz der schönsten Augen, Lippen, Schultern und Beine kein Franz Schubert und kein Dreimäderlhaus mehr gedeihen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3532