Original

19. Oktober 1927

Der Herbst strengt sich an, wie bei einem Schaufenster-Wettbewerb.

Da einer der stärksten Verkehrsströme über die Neue Brücke geht, hat er dort rechts und links seine schönsten Auslagen. Auch an Beleuchtung wurde dieser Tage nicht geknausert.

Einer meiner Bekannten behauptet, er müsse jedesmal, wenn er über die Brücke geht und es drunten am schönsten ist, beim Anblick der Petruß an den Schah von Persien denken. Als der Schah von Persien im Jahre 1900 während der Pariser Weltausstellung beim Präsidenten Loubet zu Gast war, erzählte man sich von einem Gala-Empfang im Elysee, bei dem sich dieser orientalische Herrscher durch ungeniertes Verhalten auffällig gemacht hatte. So zwar, daß mein Bekannter immer an ihn denken muß, wenn er der Petruß inmitten der Pracht des übergrünten Tales ansichtig wird.

Die arme Petruß! Und sie tut doch, was sie kann, um sich dieser Pracht anzupassen. Gestern zum Beispiel hatte sie sich in eine Farbe gekleidet, die eine direkt raffinierte Stimmung machte. Sie war von einem dunkeln Blaugrün, das einen Seidesabrikanten zu einer Frühlingsnovität begeistern konnte. Und wie dies Blaugrün in das ganze Farbenorchester hineinpaßte! Freilich, nach Bachwasser sah es nicht aus. Aber es ist schwer, es aller Welt recht zu machen.

Jetzt ist der totale Farbentonkörper zu einer unerhörten Apotheose entfesselt. Von der Piccoloflöte bis zur Pauke spielt alles mit, um die Symphonie des Jahres in einem überwältigenden Finale ausklingen zu lassen. Die kanadischen Pappeln zittern wie Mandolinenklänge mit ihren Blättern, deren nüchternes Grün sich mit einer Ahnung von gelb zu durchwärmen beginnt, die alten Weidenbäume sind mit ihren puderquastenweichen graugrünen Wipfeln wie sanfte Flötentöne, rote Posaunentöne durchstoßen das majestätische Tutti, Geigen und Celli füllen in berauschenden Nüancen auf, und ab und zu lösen Soli das Orchester ab. Habt Ihr neben dem von wildem Wein umbluteten Gebäude der Elektrischen das Duett der beiden Exoten als Gast gesehen: die Tanne, die es fertig bringt, wahrhaft zu leuchten, silbergraugrün zu leuchten, und ihr gegenüber die Strauch-Primadonna im gebauschten Flitter-Rock von einer unbeschreiblichen Farbe: Wenn Ihr meint, es sei rosa, so ist es auf einmal rostbraun, oder beige, oder hellgrau, oder mattgrün. Wenn die Seele der Galli-Curci einmal in eine Pflanze verbannt werden sollte, so würde ich als Aufenthalt diesen rätselhaften Strauch vorschlagen.

Wo Ton ist, muß Rhythmus sein. Für den sorgt im Hintergrund die Brücke, deren Bogen leise und diskret durch das farbige Gewoge hinstehen und das farbige Klingen skandieren.

Vergeßt auch nicht, Euch dann nach der andern Seite zu wenden und Euch in Gedanken in das krause Gewipfel zu flötzen, das von Hollerich herüber das Tal füllt. Aber ach! Einmal vor langen Jahren sprangen Forellen drunten im Bach. Heute springen, wenn es hoch kommt, übelriechende Gasblasen. Und doch! Einer hat es fertig gebracht, daß drunten wieder Forellen springen. Er hat ein Quellchen in ein Becken gefaßt und es mit Rotgetupften besetzt, und ein Springbrünnlein steigt aus dem Spiegel, in dem der Himmel und der schlanke Brückenbogen schwimmen, und wenn du die Sonne im Rücken hast, siehst du den Regenbogen im abstäubenden Nebel des Strahls. Und Goldfasanen leuchten hinter weißem Gegitter, so bunt, als machten sie Mimikry gegen den farbigen Hintergrund des herbstlichen Tals.

Ein alter Freund ist mit mir stehen geblieben, saugt sich voll der Pracht und schüttelt elegisch den Kopf. Er erzählt mir von Spaziergängen, die er draußen vor die Stadt macht, um den Wasserturm, über die Höhen gen Rollingergrund.

„Einsam, einsam! Niemand geht mehr spazieren! Und sagt man einem: Sieh mal, wie schön! so guckt er einen verständnislos an und fragt: Was ist denn da Schönes dran!“

Alter Junge, tröste dich. Es gibt noch Seelen, die sich an diesen Schönheiten entzünden. Auf der Brüstung der Balustrade, an der man vor dem Cafino das Petrußtal überblickt, stehen die Namen vieler Verliebten, und dabei, mit feuerrotem Stift gezeichnet, ein Herz, das die Buchstaben M. A. - V. S. einrahmt.

Diese beiden wußten jedenfalls, was sie an dem schönen Petrußtal hatten.

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    Katalognummer BW-AK-015-3538