Original

20. Oktober 1927

Als Herr Nelck aus dem Haag zum ersten Mal durch die Freiheitsavenue nach dem Bahnhof fuhr erregte sein Wohnwagen Neugier und Aufsehen. Es ist ein Tank, sagten die einen, ein neuer Gefängniswagen die andern. Vom Tank hatte er das Abweisende, Unnahbare, Unheimliche, Geheimnisvolle, Undurchdringliche. Für einen Gefängniswagen war er zu freundlich in der Farbe. Da rief eine Dame, die schon mehr von der Welt gesehen hat: Mais c’est une roulotte!

In diesem Wort ist die Tätigkeit des behäbigen Bummelns adäquaterweise eingefangen. Die runde, gutmütig biderbe Endung - ça boulotte - betont das deftige Bohèmetum der Leute, die in einem bequemen Wohnwagen durch die Geographie kutschieren und überall zuhause sind, wo es ihnen über die Landstraße heimatlich entgegenweht. Manche haben Heimatgefühle nur zwischen den Hügeln, wo ihr Vaterhaus stand, andere hören verwandte Klänge aus den Liedern aller Völker.

Den Wohnwagen haben zuerst Aristokraten mit Landstreicherseelen den Zigeunern abgeguckt. Der englische Van ist ein Sicherheitsventil für die dem Briten eingeborene Sehnsucht ins Weite. Frantz Seimetz hatte in seinem bewegten und weitausholenden Wanderleben eine Zeit, wo der Wohnwagen im Mittelpunkt seiner Träume stand. Ich garantiere nicht dafür, daß er nicht noch eines Tages Chauffeur lernt und sich so ein Schneckenhaus auf Rädern baut, um die Landstraßen Europas zu befahren, wie er seinerzeit auf seinem Flat-Boat den Mississippi, den Vater der Ströme, befuhr.

Mit dem Auto muß, dächte ich, das goldne Zeitalter der Roulotte angebrochen sein. Früher sah man solche Miniaturwohnstätten sporadisch bald an einem Straßenrand im Wald, bald in der Nähe einer Ortschaft halten. Die Kinder umstanden das seltsame Gefährt mit offenen Mündern und sahen den Hantierungen der Insassen zu: Wie sie Kartoffeln schälten, Konservebüchsen öffneten, aus dem nahen: Bach Wasser holten, den Spirituskocher in Betrieb setzten, oder wie sie es sich nach Tisch bequem machten in Sesseln, die wunderbar und überraschend aus einer Wand heraus schnappten. Es war ein Ereignis, wenn der Wagen kam, von Pferden aus einem Nachbardorf gezogen, und wenn er nach Tagen oder Wochen Abschied nahm, von einem ortsansässigen Bauer bis zum nächsten Ankerplatz gekarrt. Heute ist er unabhängig, von Benzins Gnaden auf eigene Kraft gestellt.

Hunderte haben in diesen Tagen auf dem Artilleriekasernenplatz die milchkaffeefarbene Roulotte des Herrn Nelck aus dem Haag besucht. Viele rümpften die Nase, viele sagten, es sei „gelungen“ - wenn der Luxemburger nicht weiß, was er sagen soll, sagt er, es sei „gelungen“ - alle mußten zugeben, daß alles da war: Ein Büro, ein Salon, eine Wohnküche, ein Badezimmer, ein Schlafzimmer. Im ganzen also eine Wohnung, die nach den heutigen Normen 7000 bis 8000 Francs Miete kosten würde. Klein, allerdings, liliputanisch, aber doch da, groß genug, daß jedes seiner Funktion gerecht wird.

Die Vorführung litt an einem Mißstand: daß der Wagen in der Stadt, auf einem öffentlichen Platz stand, in unmittelbarer Nähe des größten Hotels von Luxemburg, das den Einheimischen ein Summum von Wohlleben verkörpert. Solche Nachbarschaft ist für einen Wohnwagen selbstverständlich erdrückend. Der gehört hinaus, in eine Umgebung, wo schon ein Dach überm Kopf, ein Tischchen unterm Ellbogen, ein Löffel in der Hand Komfort, Luxus bedeuten. Denkt Euch diese Roulotte irgendwo auf einen Seitenweg tief im Grünewald, dort herum, wo Quellen unter alten Buchen plaudern, und daß Ihr inmitten des Waldzaubers Tage, Wochen lang leben könnt, ohne zu entbehren, was man die Errungenschaften der Jetztzeit zu nennen pflegt, inklusive Bad und Dunkelkammer.

Silentium für den Cantus: Überall bin ich zuhause - Überall bin ich bekannt. - Macht das Glück im Norden Pause - Ist der Süd mein Vaterland. - Heute hier und morgen da - Ubi bene ibi patria.

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    Katalognummer BW-AK-015-3539