Das rote Kreuz in weißem Felde hat seine Symbolik von den Schlachtfeldern, aus zerschossenen Wohnstätten und aus dem Blut- und Carbolgeruch der Lazarette herübergerettet in den Frieden. Die Fahnen aber, auf denen es leuchtet, sind Regimentsfahnen geworden und wehen über Kämpfenden. Nur daß der Kampf nicht mehr auf Mord und Totschlag zielt. Die Soldaten des Roten Kreuzes kämpfen um das Leben gegen den Tod.
Damals, als der Wahnwitz des Riesenmassenverbrechens, das sie Krieg nennen, die Welt erfaßt hatte, waren die Rotekreuzler nur hinter der Front zu finden. Heute schlagen sie sich in den ersten Reihen.
Der Bericht über die Tätigkeit des Luxemburger Roten Kreuzes im Jahr 1926-1927 ist aus den Akten des Hauptquartiers zusammengestellt. An andrer Stelle wird daraus das Wesentliche mitgeteilt. Er hat aber mehr als aktenmäßigen Wert. Er ist ein Beweis dafür, daß in unserm Volkskreis sich Kräfte regen, die der hastigen Selbstsucht der Zeit zum Trotz mit stark altruistischem Trieb zum Wohl des Gemeinwesens wirken wollen. Daß wir auch da als nationales Ganze unsere Pflicht zu tun wissen.
Unter meinen paar billigen Kriegsandenken liegt neben einer gemeinen Säbeltroddel, die ich Ende August 1914 vor der Kirche von Baranzy - sie lag voll französischer Verwundeten - aufgehoben hatte, eine weißleinene Armbinde mit einem roten, aufgenähten Kreuz und dem Stempel des Luxemburger Roten Kreuzes, das seine Entstehung damals dem großen Anreger und unermüdeten Tatenmenschen Maurice Pescatore mit verdankte. Ihr Anblick scheucht herzbeklemmende Erinnerungen auf.
Baranzy, 29. August: .... In der hellen hohen Kirche liegen an den Wänden entlang französische Verwundete. Sie waren vor genau acht Tagen in der Schlacht zwischen Baranzy und Ethe dabei gewesen, hatten Tage und Nächte durch mit verwundeten Feinden zusammen auf dem blutgetränkten Boden im Freien gelegen. Ihre Wangen sind bleich und ihre Haut ist zart geworden von den Schmerzen und vom immerwährenden Schatten ... keiner siebert. Es ist, als hätte der lange Aufenthalt in frischer Luft die Fäulnis von ihrem zerfetzten Fleisch ferngehalten. ... Freude tritt in ihren Blick, wenn man sich mit einem Labsal nähert. ... Einer winkt nach seinem blutigen Armstumpf. „Kein Arm mehr! Was soll aus mir werden!“ ... Immer, wenn einer getrunken hatte, sagte er, daß seine Kameraden noch nichts bekommen hatten ... Ethe ist ein Ort des Schreckens, dessen Andenken durch die Zeiten leben wird. ... Ich packe eine Kiste mit Brot und Würstchen aus, die mittags noch verlockend hinterm Gitter eines luxemburger Metzgerladens gehängt hatten. Die weinenden Frauen mit den Kindern um mich herum. Jede sagt, wieviel sie daheim zu Tisch sind, daß sie tagelang in den Kellern saßen, daß sie nichts zu essen hatten, daß ihre Häuser verbrannt und ihre Männer erschossen oder fortgeführt sind. ... In Virton steht an einem Hoftor in großen Buchstaben: Soyez bons pour les animaux!
Wozu? Wozu die Gegenwart und Zukunft mit dem zersetzenden Vitriol solcher Erinnerungen vergiften? Augen grade aus!
Damals war das Rote Kreuz gegründet worden, um die Menschheit gegen sich selbst in Schutz zu nehmen. Man denkt an seine Notwendigkeit mit tiefer Beschämung. Heute schützt es die Menschheit gegen die Heimtücke der Natur, die die unendlich Kleinen mit unheimlicher Ausdauer und Beharrungskraft ausgerüstet hat und gegen uns mobil macht, als wollte sie der Vernunft, mit der sie uns begabt, auf der andern Seite ein Gegengewicht schaffen, damit wir uns stündlich das Recht auf Dasein neu erkämpfen müßten.
Das Rote Kreuz ist unsere Reichswehr im Kampf gegen den lauernden Feind Natur, dessen Truppen Bakterien heißen. Es wirkt im stillen, wie die Gegner, die es von uns abzuwehren sucht. In seinem Schoß sind ungeahnte Kräfte an der Arbeit, eine Charitas, die das Bibelwort von der Rechten wahr macht, die nicht wissen soll, was die Linke tut.
Es ist Pflicht eines jeden gegen sich selbst, dem Roten Kreuz seine Tätigkeit zu ermöglichen und zu erleichtern.