Original

22. Oktober 1927

Grimmberger ließ sich die leise Oktober-zwei-UhrNachmittagssonne auf die Beine scheinen, die er unter den Marmortisch auf der Café-Terrasse streckte. Von Zeit zu Zeit schlürfte er an der Tasse, aus der es nach starkem Kaffee und mildem Quetsch duftete. Seine Blicke verloren sich träumerisch in dem Durcheinander und Hinundher der Fahrzeuge, die über die Neue Brücke herein und hinaus rollten.

„Na, Grimmberger,“ redete ich ihn an, „immer noch in Gedanken bei der Miß Luxemburg?“

Er kehrte mir das Gesicht nur halb zu, ließ die Augen den Rest der Wendung ausführen; mit leiser Verachtung im Blick, und ich glaubte, in aufsteigender Linie die Vokabeln Kamel, Spießer, Luxemburger zu verstehen.

„A propos Miß Luxemburg,“ sagte er dann lauter und wieder ganz sachlich: „Sie schreiben ja in der Regel Quark, aber da hatten Sie recht.“

„Womit?“ frug ich geschmeichelt.

„Was Sie da sagen von der Zeit, die mit der Liebe von gestern und vorgestern aufräumen will, das stimmt. Ich weiß nur nicht, ob Sie es in seiner ganzen Tiefe erfassen.“

„Ich dächte doch ....“

„Denken Sie lieber vorläufig noch gar nichts. Setzen Sie sich. Trinken Sie einen Kaffee mit Schnaps und hören Sie zu. Ich muß ziemlich weit ausholen. In die Zeit vor der Sintflut. Noch weiter. Bis ins Paradies.“

„Ich bin frei bis heute abend um acht.“

„Bis dahin hoffe ich fertig zu sein. Also schon Dehmel hat gesagt: Die Liebe ist das Trübe. Warum? Weil uns im Paradies die Unbefangenheit abhanden gekommen ist. Die Unbefangenheit, merken Sie sich das recht eindringlich. Die Paradies-Saga hat einen viel tieferen Sinn, als wir in der Kinderlehre gehört haben. Was wir damals verloren, ist nicht das verbriefte Recht auf die gebratenen Tauben, die uns in den Mund hätten fliegen sollen. Das schweißbeperlte Brot und die Dornen und Disteln, mit denen unserer materiell gerichteten Phantasie das Unglück der Vertreibung aus dem Garten Eden plastisch greifbar gemacht wird, sind nur Begleiterscheinungen. Die Hauptsache war der Verlust der Unbefangenheit. Noch einmal, prägen Sie sich das recht wuchtig ein. Die Unbefangenheit, mein Herr! Und sie sahen, daß sie nackt waren.

Seither ist die Liebe das Trübe. Seither führt der Genius der Gattung uns am Narrenseil. Seither hat Heine recht mit dem Wort von der blöden Jugendeselei.

Und seither - merken Sie auf! - seither ringt die Menschheit vergebens nach der alten Unbefangenheit. Sie nimmt immer wieder - alle paar Jahrhunderte, alle paar Jahrzehnte, einen Anlauf, leider um doch wieder ins Trübe, in die Befangenheit, Verstricktheit, Schwüle zurückzusinken.

Nach grausamen Kriegen, in denen sich die Menschen an den Gedanken gewöhnen mußten, daß es täglich, stündlich ums Letzte ging, fühlte die Jugend, daß die Liebe kein Dornröschenschloß war, darin man die Zeit mit Schlafen vertrödelte. Befangenheit war Zeitverlust. Auch heute wieder. Es hatte freilich schon vor dem Krieg mit dem Evangelium der Nacktkultur angefangen, mit dem Schrei nach sexueller Aufklärung, aber sehen Sie, wie es heute aus der Literatur widerhallt! Aus der Literatur der schwerblütigen Rassen zumal. Die Romanen freilich haben im Land ihrer kulturellen Zuspitzung die Formel gefunden, mit der sie auf ihre Art der beängstigenden Schwüle in der Liebe Herr werden: La bagatelle. Die Deutschen nehmen das Problem ernster. Sie lösen es nach a+b. Je nachdem die komplizierte Seele des Städters oder die primitive des Dörflers nach Befreiung ringt. Dort Ernst Toller. Hoppla wir leben! Hier Zuckmeyer: Der fröhliche Weinberg. Eva Berg und Karl Thomas sind so weit, daß sie ihm nichts mehr zu versagen noch zu gewähren hat. Während er, der sieben Jahre im Irrenhaus vom Leben ausgeschaltet war, noch an die alte Liebe glaubt, steht sie gütig, kühl und sachlich über dem Dunst der Leidenschaft. Es ist, wie wenn an Stelle des Himmelbetts mit dem staubfangenden Umhang und dem parfümierten Leinen auf einmal das eiserne Feldbett des alten Haeseler stünde. Die Menschen im „Fröhlichen Weinberg“ aber kommen rein vegetativ über die Befangenheit hinweg und taumeln harmlos und besoffen ins Paradies zurück.

Sehen Sie, daran sind wir heute. Mitten im inbrünstigen Ringen nach der Unbefangenheit, die uns mit dem Paradies verloren ging. Aber es ist nach immer schief gegangen. Werden wir diesmal mehr Glück haben?“

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    Katalognummer BW-AK-015-3541