Man schreibt Kritiken über ein Bild, ein Musikwerk, einen Roman, ein Drama, einen Gedichtband - alles Schönheitswerte, die menschlichen Ursprungs sind. Warum soll man keine Kritiken über Kunstwerke schreiben, die uns die Natur vorsetzt? Ich meine kritische Kritiken. Nicht einfache Feststellungen begeisterten oder elegischen Inhalts. Die Natur liest freilich keine Kritiken. Sie richtet sich also nicht darnach, wird dadurch nicht gehoben, geläutert, veredelt. Aber der richtige Künstler hält es oder sollte es halten, wie die Natur. Er weiß, er muß so schaffen, wie er schafft, er ist nur Echo des Dämons über ihm, was weiß davon die Kritik, was hat sie ihm dreinzureden! Es ist, als ob ein Schulmeister einen Keifbrief an die Zeitung schriebe, weil an den Wurzeln des Kartoffelstrauches keine Tomaten wachsen.
Also warum der Natur nicht grade so kritisch gegenüber treten, wie dem Künstler? Ihr nicht vor den Kopf sagen, daß sie zum Beispiel mit der Wüste Sahara eine Geschmacklosigkeit in die Welt gesetzt hat? Warum sollen die Expressionisten sie nicht mit Hohn überschütten dürfen, weil das Müllertal einem Ölfarbendruck übelster Observanz gleicht? Warum soll ich sie nicht herunterreißen und sie verantwortlich machen dürfen für einen grauen Regentag oder für trübe Wochen, mit denen sie sich selbst ihre schönsten Effekte verdirbt? Mit Begeisterung oder dem Gegenteil gerät man doch erst recht in Schwung, wenn man sich einbildet, von höherer Warte zum Volk zu reden.
Also treten wir der Natur als Beckmesser entgegen.
Ich möchte hier eines ihrer neuesten Werke kritisch beleuchten: „Eischtal im Herbst.“ Ihr könnt es Euch nicht kaufen, aber Ihr könnt es bewundern. Es kostet nichts, wenn Ihr gut zu Fuß seid und einen halben Tag Zeit habt. Sonst heuert Ihr am besten ein Auto oder laßt Euch von einem Freund zu der Fahrt einladen, wenn Ihr nicht selbst einen Wagen besitzt. Fahrt meinetwegen über Mamer-Capellen-Windhof nach Körich, Simmern, Dondelingen, Kopstal, Rollingergrund - von da weiß ich takisch nicht weiter. Wenn Ihr Glück habt, findet Ihr im Weichbild der Stadt ein Trottoir, über das Ihr heimlich den Weg ins Innere einschlagen könnt.
Wenn Ihr auf der Straßener Höhe seid, so werft eben mal einen Blick rechts hinüber. Ihr seht grade noch die sehnsüchtige Pracht der aufquellenden, welligen Höhen des Bannbusch; Ihr meint, es müsse dort etwas Großes, Bewegendes im Geschehen sein, wozu alle einberufen sind, irgend etwas, was mit den Tiefen der Erde und der Unendlichkeit des Himmels zusammenhängt, etwas, wofür es keine Worte gibt. Und Ihr hört, wie Euch der Buchenwald über die Höhe herüber zuruft: Also du kommst nicht? Um so schlimmer für dich!
Im Eischtal ist diesmal ein Wunder gewirkt. Die paar trocknen, sonnigen Wochen haben das lebendige Grün des Frühherbstes in eine bunte Farbeninbrunst verwandelt, die um so voller und durchdrungener ist, als von den nassen Monaten her noch saftiges Leben in allen Zweigen ist. Es wird ein heroisches, ein jauchzendes Sterben, wie in der Apotheose einer Schlacht, wie das trotzige Sterben Johanns des Blinden bei Crecy. Es ist eine Schönheit, die du dir gradezu um die Ohren geschlagen fühlst, die dir durch Mark und Bein geht. Und die Wasser und Wässerlein sind so quellklar, wie sie der Sandstein filtriert hat, so ohne den Mißton der Trübung aus gelber und brauner Ackererde, die der Regen rainab wäscht, so blaugrün, wie rätselhafte Augen. Und die Felsen sind weiß, wie Greisenköpfe, scheinen vor zwischen dem trompetenden Rot der Buchen, dem flötenden Graugrün der Kiefern und dem starken, dunkeln Celloton der Fichten. Se rincer l’œil, sagt der Franzose: Sich die Augen mit Schönheit ausspülen! Hier könnt Ihr es, den ganzen Weg entlang, so herrlich wie selten in diesen Herbstwochen.
(Ich merke, es ist doch keine Kritik geworden.)