Jahr und Tag nachdem er die Auferstehung seines Vaters durch alle Gaue der Heimat mit bewegtem Sohnesherzen erlebt hatte, wird Albert Rodange vom Tod heimtückisch gefällt. Sein plötzliches Verschwinden ist mehr, als Sterben, mehr, als das Nichtmehrwiederkommen eines Menschen, den man manchmal sah und auf einmal nicht mehr sieht. Dies Negative ist uns bei ihm ein Positives. Wenn er einmal im täglichen Kreise fehlte, fragten sich die andern, wo er denn heute blieb. Jeder fühlte die Wahrheit und Gradheit seines Wesens wie einen frischen Hauch.
Als es hieß, er sei gestorben, fuhr man auf, als müsse man Einspruch erheben gegen eine Beraubung, aber auch in innerem Erschrecken vor dem grabeskalten Wehen, das einen gestreift hatte, wie ein Luftzug vom Leichentuch, das den vorbeihuschenden Knochenmann umwallte.
Albert Rodange war mehr, als einer von den vielen, die ihre Pflicht tun und am Ende ihrer Laufbahn verschwinden.
Er war ein seelisches Vermächtnis dessen, den wir voriges Jahr als einen Künder unserer Eigenart, als die Stimme des Volkes feierten.
Es wurde über Michel Rodange manches ausgesagt, was geeignet war, uns sein Bild zu trüben. Nun, bei Albert Rodange war die Probe aufs Exempel zu machen, und die sie machen wollten, fanden, daß es nicht stimmte. Wenn man aus dem Charakter des Sohnes auf den Vater schließen wollte, so erkannte man, daß jenes Bild ein Zerrbild war.
Nicht nur, weil Albert Rödange tot ist und man von den Toten nur Gutes sagen soll, sind diese Zeilen geschrieben. Sondern weil sie dazu beitragen, daß im Sohn der Vater besser erkannt und geehrt wird.
Man wird selten ein Beispiel so idealen Verhältnisses zwischen Vater und Sohn finden, wie die Wissenden es zwischen dem nun Heimgegangenen und seinem Vater kannten. Daß Albert Rodange nach glänzenden Studien als Ingenieur die höchste Stelle seines Faches im Land erwarb und musterhaft versah, war wohl dem Antrieb zu verdanken, daß er in der Laufbahn seines Vaters ihm zulieb ihn fortsetzen und ein Summum an Begabung nachweisen wollte.
Für Albert Rodange war sein Vater als Dichter nicht nur, sondern auch und besonders als Mensch der Gegenstand tiefer Bewunderung und Verehrung, weil er tatsächlich beide verdiente. Albert Rodange war nicht der Mann, aus reiner Familiensolidarität heraus seinen Gefühlen Zwang anzutun. Sein oberstes Gebot war, die Wahrheit zu suchen und sie, wenn er sie erkannt hatte, zu sagen und sein Leben darnach einzurichten. Nicht indem er sich in die Front drängte, aber auch nicht nur im Notfall, wenn es nicht anders mehr ging. Er war ein elementarer, sachlicher, ruhiger und beherrschter Verkünder dessen, was er als Wahrheit erkannt hatte. Dabei kritischen Geistes, ohne Nörgler zu sein, gerecht eben aus dem Sinn für Wahrheit und Echtheit. Skeptisch, soweit es dem Wahrheitsucher ansteht, ohne Zynismus, weil im Grunde gütig. Allem Schein abhold, bescheiden, doch seines Wertes bewußt, Recht auf Persönlichkeit über alles schätzend. Aus solchen Ingredienzien wird ein Charakter, zu dem im Vater schon die Grundzüge vorhanden gewesen sein müssen, wenn der Sohn zum Vater in das Verhältnis hineinwächst, wie es hier bestand. Und das wäre für Albert Nodange die tiefste Genugtuung gewesen, wenn ihm einer gesagt hätte, daß er durch sein Wesen für den Vater Zeugnis ablegte.
Sein Name tönt nicht, wie der Michel Rodange’s, durchs ganze Land, aber die täglich mit ihm in Fühlung kamen, werden sein Andenken als das eines der lautersten Menschen ihrer Bekanntschaft bewahren.