Original

26. Oktober 1927

„Hast du schon den Neuen gekostet?“ heißt alljährlich um diese Zeit die stereotype Frage.

Nein, ich habe ihn noch nicht gekostet. Ich bin kein Kindsmörder.

Da wird der Grimmberger wahrscheinlich sagen: Es gibt Jahre, wo er tatsächlich in der Wiege ermordet werden müßte! Dies Jahr zum Beispiel.

Lieber Grimmberger, ich wünsche Ihnen die Einfalt des Herzens, die unsere Väter hatten. War einmal ein richtiger Rachenputzer gewachsen, der nach Alaun, essigsaurer Tonerde und faulem Kornbrot schmeckte, so sagten sie: Unser Herrgatt will, daß wir Buße tun für die guten Jahre. Das ist gesund. Wenn wir jedesmal den Keller voll Fünfundsechziger hätten, stürben wir mitsammen eines frühen Todes. Also runter mit ’s Jift!

Es gab ja Völkerstämme, die jeden Schwächling gleich nach der Geburt hinmachten, andere, die das Neugeborene ins eiskalte Wasser tauchten, um festzustellen, ob es lebensfähig wäre. Sie wollen doch nicht, Herr Grimmberger, daß man mit dem Heurigen gleich solche Wasserprobe veranstalte!

Wir haben gut lachen. Die Mosel und Sauer entlang stehen sie in diesen Tagen bis an den Hals in harter Fron - wenn sie nicht mit den Händen in den Taschen voller Bedrücktheit müßig zusehen müssen, weil ihnen das Hagelwetter damals alles zerschlagen hat.

Wird denn noch bei der Lese gefungen und gespaßt und mit Pistolen geschossen wie damals, als Dicks sein Herbstlied dichtete? Mei Schaatz de basch de’ sche’nschte Blo’m um Muselstro’m? Und wird tagüber immer noch der weiße, mürbe Kirmeskranzkuchen gegessen und aus grauen Steinkunkeln Alter dazu getrunken, bis abends, wo Leserinnen und Hottenträger um den bratenduftenden Tisch saßen? Das war zur Zeit, wo es noch keine Traubenmühlen gab und der Mätt und die Liß des Abends barfuß in die Tretmulde stiegen und drauf los „dämmelten“, und wo der Mätt die Liß unter den Armen kitzelte, bis sie gellend aufschrie und schreckliche Drohungen ausstieß, die nicht immer unverwirklicht blieben.

Wir saßen einmal zu ein paar fröhlichen Wandergesellen bei einem Wirt am Rhein, es hieß beim Bastian auf der Mauer und muß in St. Goar gewesen sein, vielleicht auch in Bacharach. Das Haus hatte einen guten Ruf und machte ihm Ehre. Wir konnten dasselbe von unserm Durst sagen. Wir saßen in einer grün und rot umrankten Laube, und gegenüber stiegen die Weinberge an, noch dicht belaubt, in dem Schimmer von Schweinfurter Grün, den sie vom Spritzen bekommen. Der Wirt hatte sich zu uns gesetzt und klagte uns das Leid der rheinischen Winzer. Wie früher alles so ganz von allein ging. Es wurde September, Oktober, das Laub in den Rebhängen wurde gelb, fiel mählich ab; wo die schwarzen Trauben standen, war das Laub burgunderrot. Die Weinberge ein blaßbunter Teppich, ein Genuß, eine Verheißung. Durch das dezimierte Laub kam die Sonne an die Trauben, die Morgennebel beperlten die Beeren mit winzigen Brenngläsern, es war eine Lust zu leben. Da auf einmal erfanden sie die Reblaus und die Peronospora und den Meltau und Sauerwurm und alle die Wickler und Stichker, und die grüne Satansbrühe. Und pfutsch ist die alte Herrlichkeit. Dies späte Grün der Berge ist Sinnbild und Verkünder alles Sauern!

Also der gute Bastian auf der Mauer. Und wir sahen mit ihm ein, daß das Künstliche in das Gebiet der Erde und Sonne eingedrungen war, daß das alte natürliche Werden ins Industrielle, Gemachte entartet war. Und tranken zum Trost mit ihm die älteste Flasche, die er im Keller hatte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3544