Erkannt sein ist für jeden Menschen, der sich seines Wertes bewußt ist, eine Genugtuung. Ich bin mir daher bewußt, meinen Kollegen vom luxemburger Journalismus eine Freude zu bereiten, wenn ich hier - nicht ihnen, sondern der geneigten Leserschaft unterbreite, was ein geistvoller Kollege über uns denkt. Friedrich Koffka veröffentlichte vor 2-3 Jahren im „Tagebuch“ einige Seiten „Bemerkungen über Journalismus“, worin er zunächst auf den Unterschied zwischen Dichter und Journalist zu sprechen kommt. Wir kommen bei dem Vergleich nicht zu schlecht weg.
Hier, was Koffka über uns und unsern Beruf sagt:
„Der Journalist hat die Dinge des Lebens so hinzunehmen, wie sie sich geben, mit allem Zufälligen ihrer einmaligen Erscheinung, mit allem Flüchtigen und Verschwebenden, das ihren Gesichtern und Gebärden zu eigen ist. Aus der Gemeinsamkeit von Lebensformen und Lebensinhalten, aus der Gleichartigkeit von Denk- und Willensrichtungen, von Vorstellungen und Assoziationen bildet sich eine geheime Sprache, die jede Zeit wie eine Chiffernschrift unter der offenen trägt; eine Sprache, die nur ihr gehört, nur ihren Kindern verständlich ist, und deren Schlüssel sie mit sich ins Grab nimmt. Auf diese Chiffernsprache des Zeitalters hat der Journalismus zu hören, in ihr muß er reden und rufen. Sie ist der wandelbare Stoff, der ihn nährt, und ohne den er verkümmert. Sie ist das beinahe substanzlose und gerade darum so verlockende Mittel, mit dem er aus dem Leben ins Leben zurückwirkt.
So ist Journalismus ohne den unmittelbaren Hinblick auf die Objekte des Wirkens nicht zu denken. Die Gegenwart des Angeredeten ist hier notwendig und integrierend, die Konstellation der Stunde mit ihren gerade bei einer Vielheit in Wirkung stehenden Inhalten wird im Produzieren fast komplementär vorausgesetzt, und erst die Aufnahme durch die Empfangenden scheint dem, was ohne Öffentlichkeit fragmentarisch bliebe, eine augenblickliche Vollendung zu geben. Nicht immer freilich. Denn so, wie gewollte Dichtung sich oft hinterher als Journalismus (und dann zumeist als minderwertiger) entschleiert, so kann die Stärke der Inbrunst, mit welcher der Journalist das Momentane ersaßt, sein Gebilde über die Vorstellungswelt der Gegenwart, auf die es berechnet war, in Zukunft und Nachwelt hinübertragen.
Die journalistische Existenz als eine soziologisch eingeordnete und ausschließliche Form des äußern und inneren Daseins ist kaum älter als ein Jahrhundert. Ihre Reize sind wie ihre Gefahren leicht zu erkennen und gerade dem Träger bewußt. Die Hingabe an die Erscheinungen, denen ihr flüchtigster Schmelz und Schimmer abgejagt wird, die ewige Bereitschaft, am Augenblick Feuer zu fassen und ihn zündend zurückzustrahlen, dieses immer neue Empfangen, Verbrauchen und Wiederabtun ruft ein fieberhaftes Tempo des seelischen Stoffwechsels und damit eine Steigerung der Lebensgefühle hervor, wie sie nur wenige Daseinssonnen zu vergeben haben. Aber zugleich liegt hier die gefährliche Möglichkeit offen, daß die in Wanderschaft begriffene Seele ganz und gar dem Spontanen verfällt und zentrifugal ins Wesenlose hinabstürzt. Der Mensch dieses Daseins kann keine geistigen Ersparnisse und Rücklagen machen, er muß jegliches Gestrige in den Schmelztiegel des Heutigen und Kommenden werfen, er muß immer wieder alles in Frage stellen, und es kann geschehen, daß er selbst eines Tages grausam in Frage steht. Ein Erschlaffen und Verzagen überfällt ihn plötzlich, ein nagender Wunsch, das Ganze im Stich zu lassen; untreu zu werden, davonzugehen ... Dennoch hat ein Dasein wie dieses seinen Sinn und sein Recht, und man ist nicht befugt, es als strukturlos und gesetzlos von sich zu weisen. Wer kennt denn die Strukturen des Seins, wer nennt die Gesetze, nach denen das Leben verläuft? Die Macht des Augenblicks ist ungefähr ohne Grenzen, und das Zufällige eines Wortes und einer Begegnung, das nie Berechenbare dessen, was unversehens um eine Ecke biegt und den Weg verstellt, kann alle Richtungen ändern. Ein Windstoß wirft das Steuer herum, und willenlos fast treibt der Mensch in Meere und Fernen, in die sich kein Plan und kein Gedanke hinausgewagt hatte.“