Original

5. November 1927

Freikuftsport! Alte Jacke. Hat die Jugend, Männlein und Weiblein, in seinen Bann geschlagen. Aber was bleibt für die Alten?

Auf den Straßen des Busineß karren die früheren Helden der buntgestreiften Sweaters und kurzen Drilchhosen. Wenn es an die Dreißig geht, pumpt das Herz behäbiger und die Lungenflügel schlagen schwerer. Da treibt es einen nicht mehr so unwiderstehlich auf die Kampfbahn, und an einem nassen Märztag sitzt man schon lieber bei einer Partie Bridge, als daß man sich auf dem Sportplatz seinen Farben zu Ehren im Dreck wälzt und ein paar Schienbeinbrüche oder Löcher im Schädel riskiert.

Müssen die Alten von dreißig an aufwärts denn unbedingt Bridge spielen und dem geliebten Sport entsagen? Gibt es keine Leibesübung, die in jedem Betracht als Sport zu werten ist und außerdem nicht nur den Jungen, sondern auch den Alten Spaß macht?

Sie haben es erraten: Billard!

Warum wird nicht mehr Billard gespielt? Warum verstauben auf den Speichern die teuern und monumentalen Möbel mit den gedrehten Beinen, die so wuchtig im Raum standen, und mit dem grünen Qualitätstuch? Warum malt kein Caféhauswirt mehr an seine Fensterscheibe die zwei gekreuzten Billardqueues mit den zwei weißen und der einen roten Elfenbeinkugel? Warum wird - um es im Vorbeigehen zu sagen - von der belgischen Kongoregierung nicht eine Bombenreklame für das Billardspiel gemacht, nur damit die Elefantenzähne im Preis steigen?

Es ist unbegreiflich, daß das Billardspiel diesen Rückgang erleben mußte. Warum nur? Es kam doch so wunderbar dem Betätigungsdrang der SonntagNachmittags-Männerwelt entgegen. Die von Werktags-Abends nicht zu vergessen. Es war unterhaltend für die, die spielten, und für die, die zusahen. (Es ist eine alte Erfahrungstatsache, daß der Zuschauer immer besser weiß, wie ein Ball zu spielen war und wie ein Stoß gelingen wird, als der Spieler selbst.) Es bot die Möglichkeit, eine ganze Gesellschaft zu beschäftigen, wenn nicht mit Carambole, dann mit Poule oder Kegel. Es konnte zur Leidenschaft werden von dem Augenblick an, wo der Knabe das erste Queue in die Hand nahm bis zur letzten Partie, die er als Mummelgreis spielte. Es hatte und hat seine Meister, seine Technik birgt Geheimnisse, hinter die nur die Auserwählten kommen, es gibt die Paganini und die Sarasate, die Liszt und die Paderewski des Billard, es gibt darnach den europäischen und den amerikanischen Stil, und es gibt die Beckerellt des grünen Tuchs, die Tom Mix und die Douglas Fairbanks, die den schwierigsten Ball mit der Nasenspitze machen.

Fußball, Tennis, Radfahren, Wandern - alles wunderschön. Aber es gibt Tage, Wochen, Monate, wo es mit dem Freiluftsport Essig ist und wo man doch seine Glieder regen, sich damit in irgend etwas ertüchtigen, sich gegen irgend jemand durchsetzen möchte. Und es gibt ein Lebensalter, in dem man sein Leibliches auf Lento und Piano einstellen muß und dennoch sich rühren und nicht immer sitzen, lesen, schreiben und Karten kloppen möchte.

In diesem Fall tritt der Weise einem Billardklub bei. Denn das gibt es noch, trotz allem. Und es gibt trotz allem unter uns noch Künstler, die es auf schwindelnd hohe Serien bringen, bis zu dreistelligen Ziffern. Junge Leute, die extra nach Paris fahren, um einem Match der großen Weltmeister beizuwohnen. Alte, die nach der Schule ihrer Jugend die elegantesten Stöße ausführen und das amerikanische SerieSkyscrapertum milde verachten. Wer weiß, ob der Frantzen Nick nicht eines Tages sein Pendant finden wird in der Person irgendeines luxemburger Nori oder Flori, der auf dem Billard das Äquivalent des Tour de France gewinnt?

War es der alte Grévy oder der alte Méline? - jedenfalls war es ein großer französischer Staatsmann, der bis in sein hohes Alter dem Billard treu blieb. Sie werden also in guter Gesellschaft sein, wenn Sie diesem alten Sport Ihr Interesse zuwenden und beispielsweise morgen, Sonntag nachmittag, im Café Albert Hilger, an der Schwelle des Kreuzgründchens, dem Freundschaftsmatch beiwohnen, das dort in dem komfortabel eingerichteten Lokal des Cercle des Billards zwischen diesem und dem Ettelbrücker Billard-Club ausgefochten wird.

Sie werden als neugieriger Skeptiker hineingehen und als Enthusiast herauskommen.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-015-3551