Original

6. November 1927

Amerikanische Städte wachsen als Ganzes mit homogener Zusammensetzung aus dem Boden.

Alte europäische Städte haben ihren ehrwürdigen Kern, um den herum sich die neuen Viertel ankristallisieren. Paris hat seine Ile de France, London seine City, Berlin sein Schloß - Religion, Geschäft, Königsidee -, Luxemburg seinen Fischmarkt, Frankfurt seinen Römer, Wiesbaden seine Kirch- und Langgasse, Trier seinen Markt u. s. w. u. s. w.

Sehen Sie, wie selbstverständlich wir in die Reihe der europäischen Städte gehören, die sich einer normaleuropäischen Entwicklung erfreuen. Wie sich um Notre-Dame, das Clearing-House, das Schloß, den Kochbrunnen, die Steipe je ein vielfacher Kranz von breiten Straßenzügen legt, gleich den Wasserringen um den Stein, so ist das alte Luxemburg heute der Mittelpunkt eines weit ausladenden Städtebildes, in dem Gott sei Dank frische Luft in erfreulich höherem Maße Trumpf ist, als in den meisten andern Städten. Es besteht ein Bild von Luxemburg aus der Vogelperspektive, das von einem Flugzeug der Sabena aufgenommen wurde. Die Lungen dehnen sich einem im Leib, wenn man die Häuser drunten in Laub und wieder Laub gebettet sieht.

So absorptionskräftig waren wir nicht, daß wir, wie Berlin, die Nachbardörfer mit Haut und Haaren aufgefressen hätten. In Wilmersdorf waren noch vor zirka vierzig Jahren richtige Dorfstraßen mit richtigen Bauernhäusern und Scheunen zu sehen, heute ist das Städtebild mit seinen Protzbauten über das Dorf weggewachsen. Bis wir Hallerich, Eich, Merk und Rollingergrund eingetan haben und die letzte Scheune mit dem letzten Stall auf fünf Kilometer in der Runde verschwunden ist, fließt noch viel Schmutzwasser unter den Alzettebrücken durch.

Der Limpertsberg bleibt geschäftlich immer ein wenig anemisch, weil ihm die Adern nach dem Tal zu unterbunden sind. Er ist eine Sackgasse.

Lange glaubten die Luxemburger, es sei ihnen zum ewigen Unheil gediehen, daß der Bahnhof vor siebzig Jahren so weit draußen vor den Toren entstanden war. Sie hielten sich immer für den Berg und ihn für den Propheten. Dann wurde es umgekehrt. Und das weite Festungsgelände zwischen Bahnhof und Stadt wurde zur Ansiedlungsstätte für ein Viertel, auf das die Hauptstadt immer stolzer werden kann.

Erst jetzt kommt es in seiner Schönheit zur Geltung, wo die Hauptbedingung für Sauberkeit in der Hauptstraße gegeben ist. Die zuständige Stelle muß sich freilich, wie es scheint, erst zum Bewußtsein durchringen, daß ein Pflaster sehr wohl ohne mehr oder weniger hohe Kotschicht bestehen kann, aber hoffen wir das Beste. Also wie gesagt, Großstadtluft weht durch die Freiheitsavenue erst seit sie sauber gewerden ist, wie ein Wohnraum vornehm erst wirkt, wenn der Fußboden gebohnt ist und die Möbel vor Sauberkeit blinken. Im Mittelpunkt des neuen Viertels liegt die Kathedrale der Arbeit, zu der es morgens und mittags wie zu Hochamt und Besper strömt; man fühlt, daß von da aus sich Fäden um den Erdball spinnen. Und in der Perspektive des schönsten Straßenzuges der Hauptstadt, an dem sich die Geschäfte pompös und farbig aufreihen, liegt der Bahuhof als Tor in die weite Welt hinaus und aus der weiten Welt herein, und jeder, der dort ab und zu geht, wirkt wie ein, Rad in der großen, immer lauter dröhnenden Maschine des Verkehrs.

Die City braucht darum nicht eifersüchtig zu sein. Sie hat den malerischen Hintergrund der Tradition, sie hat die Zentralstellen, an denen die sitzen, die die Geschicke des Landes flechten, sie hat den Salon der Stadt, den Paradeplatz, dessen Kiosk für den Luxemburger Patrioten der Nabel der Welt ist, sie ist das Zentrum, durch das hindurch die Peripherie ihre Weberschifflein werfen muß, sie hat die Großstraße und sie hat den Namüah.

Sie ist das Herz und soll es bleiben.

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    Katalognummer BW-AK-015-3552