Original

8. November 1927

Ich hatte mich immer im Verdacht, eine durch und durch unlyrische Natur zu sein. Nicht etwa, weil nie ein Band Gedichte von mir erschienen ist. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht in alten Schubladen und Papierstößen gereimte Liebesklagen und Naturschwärmereien fände, mit denen sich an die zwanzig Druckbogen füllen ließen. Aber das waren wohl nur die poetischen Ausschwitzungen, die bei jedem normal veranlagten jungen Mann als sentimentale Hundekrankheit auftraten.

Wie sehr das Ingrediens Lyrik in meiner Seelenmischung fehlt, kam mir vor einer Viertelstunde zum Bewußtsein, als ich stadteinwärts gegen den Südwestwind über die Neue Brücke strebte. Vom Park her und aus dem Petrustal herauf wehte es scharf, kalt und feucht. Wie hätte man anders gekonnt, als die Strophe aus dem „Lindenbaum“ summen: „Die kalten Winde bliesen - Mir grad ins Angesicht - Der Hut flog mir vom Kopfe - Ich wendete mich nicht.“ Ich sah, daß im Tal die paar Tage Novemberwind die Bäume stark entblättert hatten, dachte, ob sie an der Mosel jetzt wohl überall den Neuen im Faß hät- ten und wie Recht die gehabt hatten, die ihre Trauben bis zu allerletzt hatten hängen lassen .... Ganz genau in diesem Augenblick wurde mir blitzartig offenbar, wie himmelweit ich mich seelisch von dem Dichter Wilhelm Müller unterscheide, der den „Lindenbaum“ und viele andere wunderbare Lieder gedichtet hat. „Der Hut flog mir vom Kopfe“ - Wilhelm Müller hatte es vor rund hundert Jahren kommen sehen. Er sagt: „Ich wendete mich nicht.“ Da liegt der Unterschied zwischen uns. Tiefer, als Sie auf den ersten Blick glauben. Wilhelm Müller ließ seinen Hut im Winde fliegen. Er dachte: Was liegt an dem Filzdeckel, was liegt daran, daß mir der Sturm die Frisur zerzaust, zerzauste Locken stehen mir außerdem vorzüglich zu Gesicht. Und so weiter.

Ich aber, ich wendete mich, als mir der Wind den Hut vom Kopf riß. Sie dürfen mir glauben, daß ich mich lange nicht mehr so behend gewendet hatte. In meinen Gedanken sprang urplötzlich eine Ziffer auf, wie ein rotes Teufelchen aus einer Vexierschachtel. Es war die Ziffer 75. 75 Franken kostet heute ein neuer Hut. Ich sah es in den Schaufenstern angeschlagen. Es gibt ja billiger, aber auch teurer. In punkto Hütekauf bin ich skeptisch. Man geht hinein mit dem festen Vorsatz, den billigsten zu kaufen und findet, daß einem nur der teuerste einigermaßen zu Gesicht steht. Dieser Fatalismus ist zweigeschlechtlich.

Also ich wendete mich, im Gegensatz zu dem berühmten Lyriker Wilhelm Müller, urplötzlich und rannte meinem fortfliegenden Hute nach. Ich erreichte ihn mit der Spitze meines Stockes, als er geradenwegs, wie ein gescheuchtes Huhn, auf ein heransausendes Auto zurollte, um mir den Schabernak anzutun, daß er sich überfahren ließe. Ich glaube, in der Aufregung entfuhr mir sogar der Stoßseufzer: 75 Franken!

Vergleichen Sie bitte meinen Ideengang bei diesem Anlaß mit dem des Dichters Wilhelm Müller. Der Zufall bringt uns beide genau in dieselbe Lage. Kalte Winde - Hut vom Kopf. Es kommt dabei gar nicht in Frage, ob Wilhelm Müller damals einen neuen oder einen alten, einen billigen oder einen teuern Hut aufhatte. Das Resultat blieb dasselbe, er mußte sich einen neuen kaufen, die Auslage war in jedem Fall die gleiche. Aber das war es ja eben, daß er nicht an den alten und nicht an den neuen Hut dachte. Er dachte nur an den lyrischen Gehalt des Vorgangs, an seine lyrische Auswertung. Nein, er dachte nicht einmal daran, er war in jenem Augenblick nur Gefühl, nur Elegie, er hörte nur den Lindenbaum rauschen: Komm her zu mir Geselle, hier findst du deine Ruh! Und er wäre wahrhaftig am liebsten hingegangen und machte sich wiederum nicht klar, daß im November, wenn die kalten Winde wehen, der Aufenthalt unter einem Lindenbaum nur ein Minimum von Komfort verspricht.

Sie sehen, je länger ich die Idee ausspinne, desto unerbitlicher tritt dies amusische Manko, diese Lyriklosigkeit bei mir zutage. Also wühlen wir nicht weiter in der Wunde.

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    Katalognummer BW-AK-015-3553