Original

9. November 1927

Die luxemburger Hauptstadtpatrioten spähen gierig nach Zeichen großstädtischer Anwandlungen zwischen Bahnhof und Rondpoint.

Ich bin in der glücklichen Lage, ihnen wieder ein neues zu signalisieren.

Ein raffinierter Lebenskünstler, mit dem ich eines Tages in Paris vor Zimmer-Madrid auf dem Trottoir einen Cassis trank, sagte: „Eine Stadt, in der nicht wenigstens zwei große Läden mit orientalischen Teppichen sind, ist das Übelste, was es von Kleinstadt gibt. Der orientalische Teppich muß in die öffentlichen Sitten übergegangen sein, damit die Menschen Anspruch darauf erheben können, als Kulturgeschöpfe gewertet zu werden.“

Er war zu seiner Bemerkung dadurch veranlaßt worden, daß ich einen türkischen Hausierer, der ringsum über und über mit Teppichen behangen war, etwas unwirsch abgeschüttelt hatte. Nicht aus Mangel an Spaß an seiner Ware, sondern weil es ein sehr heißer Septembernachmittag war und der Anblick des teppichbeladenen Türken schweißtreibend wirkte.

Teppiche! Man denkt an Koran und Bibel, an Allah und Mahomet und die Bundeslade und Salomon und an Tempel und Paläste. Aber immer nur in heißen Ländern. Wie befremdend, daß der Teppich im Orient zuhause war, bei den Zeltnomaden des Morgenlandes, und daß niemand je von einer Teppichindustrie der Eskimos gehört hat, die doch auch nicht auf dem nackten Boden liegen können. Die Mutter Erde kann unter Umständen sehr ungnädig sein, und darum woben sich die Menschen Teppiche, um sich vor der Härte und Heimtücke dieser Mutter zu schützen. Aber da, wo Licht und Sonne waren, hatten die Menschen auch das Bedürfnis nach Schönheit, und sie machten ihre Teppiche farbig und bunt, damit sie nicht nur Schutz gegen die Mutter Erde, sondern auch Lust für das Auge böten.

Der Teppich ist uns heute gradezu Sinnbild der intimen Behaglichkeit und des Luxus. Große Säle brauchen spiegelnde Parketts, deren Fläche strahlend die Gestalten der darüber Schreitenden und Tanzenden wiederholt, deren Glätte mit den Lichtern Fangball spielt. Glanz ist Trumpf. Aber das Boudoir ist das Tempelchen, in dem die Weichheit der Teppiche dämpft oder reizt, zu Schlummer oder Lust einlädt.

Zeige mir deine Teppiche und ich sage dir ... Der Gent belegt seine Fußböden lieber gar nicht, als mit unechten Teppichen. Der Weise gibt sich schon zufrieden, wenn ein bescheidener Fabrikteppich seinen Sohlen schmeichelt und seine Schritte mollig auffängt.

Aber das Wissen um die Teppiche kann rein platonisch zu einem Schatz werden, an dem auch der Weise sich zu freuen vermag. Jede Fachkenntnis vermittelt solche Freude an der Sache. Wenn der Botaniker über Land geht und von jeder Blume den Namen kennt und weiß, warum sie grade da wächst, warum sie grade so gebaut ist, so ihre Samenkörner verstreut, hat er mehr von seinem Spaziergang, als der Banause, der Schafgarbe nicht von Kümmel zu unterscheiden weiß. Wer in die Geheimnisse der Teppichknüpferei eingeweiht ist, kann Wonnen erleben, von denen der Laie keine Ahnung hat. Ein Bekannter von mir sah eines Tages im Londoner Kensington-Museum einen persischen Seidenteppich aus dem 15. Jahrhundert. Er ließ ihn sich abzeichnen und die Zeichnung genau in der Farbe des Originals kolorieren. Dann gab er sie in Pandschab einem Teppichknüpfer und ließ sich von diesem den alten Perser nachknüpfen. Das Original war zirka ein Meter auf fünfzig Zentimeter. Als der Indier in Pandschab drei Monate gearbeitet und etwa eine Handbreit fertig hatte, zeigte er das Stück dem Besteller und sagte, er sei mit den Farben nicht zufrieden, er werde wieder von vorne anfangen. Er brauchte dann neun Monate für den ganzen Teppich. Es kommen vierhundert Stiche auf den Quadratzoll. Über den Kostenpunkt teilte mir mein Gewährsmann nichts mit. Aber ich begreife, daß er seinen Teppich als ein Heiligtum hütet.

Es gibt auch unter uns in Luxemburg hervorragende Teppichkenner. Jetzt gewinnt es den Anschein, als sollten den echten Türken und Persern und Indiern u. s. w. gleich mehrere Heimstätten hier bereitet werden. Also auch diese Etappe auf dem Weg zur Großstadt haben wir jetzt erreicht. Warum auch nicht? Echte Teppiche sind dauerhafte Sachwerte. Zur Inflationszeit kauften sich die Leute Klaviere, silberne Zuckerzangen zu Dutzenden, Diamanten und Perlen, um ihre Barschaft sicherzustellen. Warum sollen sie ihr Geld nicht auch einmal in echten Teppichen anlegen?

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    Katalognummer BW-AK-015-3554