Original

10. November 1927

Von Ernst Glaeser, der unsern Lesern besonders aus seinen klugen und plastischen Aufsätzen über Luxemburg in der „Frankfurter Zeitung“ bekannt ist, stand im letzten Bäderblatt der „Frankfurter“ ein Reisebrief aus dem Fürstentum Monaco, ein Schulbeispiel der knappen, mit originellen Einfällen gespickten und tief besinnlichen Schreibweise, die der Geistesverfassung des Aktiven unserer Zeit entspricht.

Hier ein Satz daraus, der in verwandten Gedankenund Erinnerungsgängen Nachhall weckte: „Auf die Lafetten gutmütiger Kanonen überlebten Kalibers gestützt, neben denen die Kugeln wie Exkremente sagenhafter Ziegen in Pyramiden geschichtet sind, übersieht man von hier den elegantesten Strand Europas, den Wintergarten aller vermögenden Nordländer, die Côte d’Azur.“

Wo standen denn auch einmal bei uns auf öffentlichem Platz solche Kanonen überlebten Kalibers mit den Pyramiden sagenhafter Ziegenexkremente davor? War denn das möglich, daß bei uns, in der Hauptstadt des Weltfriedens, der Krieg Tag für Tag auf offenem Markt das Maul aufriß, seine bronzenen Zähne fletschte und feixte, wie Roosevelt? Wir Alte wissen es noch. Es war am Paradeplatz, der damals noch der Plässidarem hieß, in schlichten Gemütern die vage Vorstellung eines unklar definierten Darmes wachrufend. Da erhob sich die Säulenhalle einer richtig gehenden Hauptwache mit Raus! und Leutnant du Jour. Und davor dräuten gutmütige Kanonen, zwei, glaube ich, wie die Hauer des großmächtigen Gebisses, das in Gestalt jener Säulenhalle gegen den Plässidarem aufgerissen war und in dem sich die Soldateska herumflötzte, wie Vögel im Rachen eines schlafenden Krokodils. Vor jeder Kanone waren die Kugeln aufgeschichtet. Und da steigen Bedenken auf gegen die Richtigkeit des von Ernst Glaeser gefundenen Bildes. Weil nämlich die Kugeln vorne liegen. Ich würde vorschlagen, die Ziegenexkremente durch Knödel zu ersetzen. Die Kanone stünde alsdann für den hungrigen Mann, dem die Schüssel mit Knödeln vor die Nase gesetzt ist. Aber ach, er kann nicht ran.

Unsre kanonendurchdonnerten Erinnerungen reichen örtlich und zeitlich weiter zurück, als an den Paradeplatz und in die Zeit der Bundesbesatzung vor 1867. Sie reichen in die seligen, grünen, besonnten Gründe der Kindheit, wo am Bach die Pappeln bis in den Himmel wuchsen und im breiten Tal der Strom bis in die Ewigkeit rauschte.

Da bauten wir unsre Kanonen aus Hollunderröhren oder alten Türangeln, in die ein Zündloch gefeilt wurde. Als Geschosse dienten kleine Kieselsteine oder Bleistückchen, die wir aus den geklauten Scheibenfassungen der Kirchenfenster gewonnen hatten. Jetzt darf man’s ja sagen, der Küster, der uns immer im Verdacht hatte und nie richtig dahinter kam, ist tot.

Eines Tages lernten wir die Kanonen als ernstere Angelegenheit auffassen. Das war im August 1870, als um Metz die Würfel der Geschichte wieder einmal rollten und wir das Rumpeldibumpel das Moseltal entlang dumpf und beängstigend hörten. Gewitterzerrissene Tage und Nächte, Wolkenheerscharen in erdennahem, schwerfälligem Durchzug, angstbeklemmte Herzen, Siegesfeuer drüben durch die Nacht, Glockenläuten und Übermut. Bis es wieder in langen, müden Kolonnen garnisonwärts durch die Dörfer polterte und wir mit offenen Mündern am Wege standen und meinten, den Kot, der an den Speichen der Kanonenräder klebte, blutgerötet zu sehen.

Auch diese Kanonen überlebten sich. Ich sah eine aus jener früher einmal großen, heute weit übertrumpften Zeit, vor Jahren in Alt-Breisach, hoch überm Rhein, als Schaustück stehen. Sie hatte in einer der Schlachten um Metz einen Streifschuß bekommen und trug die Narbe stolz, wie einen Schmiß. Das Heldische hatte noch nicht die Ausdünstung verunreinigter Schützengräben.

Eigentlich wäre damit in bezug auf Kanonen mein Bedarf gedeckt gewesen. Ihrer auch. Es wurde uns nicht geschenkt. Je weniger davon geredet wird, um so besser. Leider hängt von unsrer Schweigsamkeit wenig ab.

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    Katalognummer BW-AK-015-3555