Original

11. November 1927

„Sind Sie zornig, Herr Grimmberger?“

„Nein, ich ärgere mich!“

„Soso. Ist da ein Unterschied?“

„Mann!“ sagte er und sah mich ehrlich entsetzt an. „Mann! Ist Ihnen denn gar nichts heilig!“

„Wieso? Ich bin mir keiner Majestätsbeleidigung bewußt.“

„Ich merke immer deutlicher, daß man Ihnen vieles verzeihen muß. Sie Peregrinus in Israel! Wissen Sie denn nicht, daß in der Welt der Gefühle der Zorn ein König, der Ärger ein Spießbürger ist?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

„So denken Sie bitte darüber nach. Sie werden sich wundern.“

„Ich werde es versuchen. Also in diesem Augenblick war es nicht Zorn, sondern Ärger, was Ihnen aus den Augen blitzte?“

„Ein für allemal. Ärger blitzt nicht, das kann nur der Zorn. Zorn kann donnern, Ärger nur brummeln. Ärger ist, um es anders auszudrücken, nur die minderwertige Scheidemünze des Zornes. Zorn ist die lodernde Flamme, Ärger die glimmende Kohle. Zorn brennt, Ärger sengt. Zorn ist das Schwert, Ärger das Juckpulver. Zorn ist Wein, guter, starker Wein, Ärger ist Viez. Ich soll mich erzürnen? Weshalb? Weil dort der Chauffeur wichtigtuerisch die Hand rechts herausstreckt und im nächsten Augenblick links um die Ecke saust? Darüber kann man sich ärgern, aber nicht erzürnen.“

„Schadet das auf die Dauer Ihrer Gesundheit nicht, Herr Grimmberger?“

„Weiß man je, was der Gesundheit schadet? Ich glaube fest und steif, daß ein rechtschaffener Zorn, so einer, wissen Sie, wo man eine Vase auf den Fuß- boden schmettern oder einen Stuhl in den Spiegel schleudern möchte -, daß so ein Zorn der Gesundheit zuträglich ist. Kennen Sie die schönen Verse von Strachwitz? Verse, die auf den Hinterbeinen stehen, sozusagen? „Wem nie im Grimm, wem nie im Groll - Die blaue Zornesader schwoll ...“ Der Zorn wirkt auf die blaue Zornesader. Wohingegen der Ärger höchstens mit der güldenen Ader zu tun hat. Man kann sich tot ärgern, vor Ärger bersten, Zorn aber schmettert nicht nieder, er erhebt und trägt.“

„Warum ärgern Sie sich denn, wo Sie zürnen sollten?“

„Sie haben immer noch nicht verstanden. Man empfindet Zorn oder Ärger nicht nach Wahl, das Objekt spielt auch eine Rolle. Zorn verschwendet man nicht, er ist etwas Köstliches, wie der Haß, aus edelm und echtem Material. Man pumpt ihn nicht aus sich heraus, wie eine Zunge voll Speichel. Und es bängt auch viel vom Individuum ab. Es gibt Leute, die des Zornes unfähig sind, die es nie über den Ärger hinausbringen. Sie sind für den Zorn allzukleines Format. Zorn kann an ihnen ebensowenig wachsen, wie Trauben an einer Johannisbeerstaude. Andere wieder drapieren sich in Zorn, wie ein Schauspieler in eine Römertoga, aus Bedürfnis nach Feierlichkeit. Es sind die feierlichen Dummköpfe, die vielleicht durch angeborene Beinstellung, durch eine Orgelstimme oder irgendein äußeres Zeichen ohne die dazu gehörende innere Gnade langsam in den Feierlichkeitsfimmel hineintrainiert sind, Die greifen immer gleich die höchsten Griffe auf der Orgel, deren Balg ihre Eitelkeit tritt. Die ganz Großen aber können sich nur erzürnen, nicht ärgern. Ein Zeus kann nur Zorn empfinden, Ärger erst, wenn er einem Offenbach unter die Hände fällt. Und nun Gott befohlen, junger Mann, ich brauche ein Stündchen Stille, ich flüchte in die Einsamkeit, wo man sich über nichts zu ärgern braucht, weil an allem, was man sieht, kein Mensch schuldig ist, sondern die Natur, die nichts aus Boshaftigkeit, aus Dummheit, Eigennutz, Ehrgeiz, Habsucht usw. tut. Da kann man sich höchstens über sich selbst ärgern, und das ist sehr heilsam.“

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    Katalognummer BW-AK-015-3556