Immer noch geht mir von Zeit zu Zeit ein Brief zu (Ihnen wahrscheinlich auch), in dem ich ausgefordert werde, diesen Brief abzuschreiben und innerhalb vierundzwanzig Stunden an drei Personen weiterzuschicken, um die Glückskette nicht zu unterbrechen. Diese Kette wurde, so heißt es, von einem amerikanischen Offizier in Flandern begonnen und soll dreimal um die Erde gehen. Wer die Kette unterbricht, hat Unglück. Zum Schluß steht seit jüngster Zeit ausdrücklich auch noch: Mit der Hand schreiben!
Ich bitte alle Freunde, Freundinnen, Bekannte und Unbekannte, mich gefälligst endgültig aus der Glückskette des amerikanischen Offiziers herauslassen zu wollen.
Denn ich habe nie einen dieser Briefe weitergegeben und werde auch nie einen weitergeben.
Ich würde tief bedauern, wenn ich dadurch das Unglück, das durch das Unterbrechen der Kette entstehen soll, auch auf die unschuldigen Haupter meiner kettengläubigen Korrespondenten herab- oder heraufriefe.
Es mögen an die sieben, acht Jahre her sein, daß diese Briefkette läuft. Sie muß längst dreimal um die Welt gegangen sein, wenn die Briefschreiber nicht die falsche Richtung eingeschlagen haben. Aus dem Lauf dieser Jahre erinnere ich mich keines besondern Unglücksfalles, von dem ich annehmen könnte, ich habe ihn durch Unterbrechen der Glückskette herbeigeführt. Das Schwerste, was mich in dieser Zeit betraf, war meines Erinnerns der Verlust einer nicht unbedeutenden Barschaft auf gradezu blödsinnige Art. Ich hatte mich von einem guten Freund eines Abends verleiten lassen, beim Ecarté hoch auf ihn zu setzen, da ihn grade seine Freundin hatte aufsitzen lassen und das Spiel einen bekanntlich für Unglück in der Liebe schadlos halten soll. Das Mädel muß ihm aber dennoch treu geblieben sein, denn in weniger als einer Viertelstunde waren wir beide „ausgebeutelt“, wie der aus finstre Mittelalter erinnernde Volksausdruck lautet.
Wollen Sie etwa behaupten, dies Pech habe mich betroffen, weil ich nacheinander drei dieser Glückskettenbriefe in den Papierkorb geworfen hatte?
Hören Sie weiter: Eines Tages, als ich wieder einen folchen Brief in Stücke gerissen hatte, ging ich mit einem Bekannten durch die - der Name der Straße tut nichts zur Sache. Er hatte sich mir zugesellt, hatte mich gefragt, wie es mir gehe, wie es meiner Frau und den Kindern gehe, hatte dann eine Weile geschwiegen und erneut gefragt, wie es mir gehe u. s. w. u. s. w.
Grade hatte er tief Atem geholt, aufcheinend um etwas von Bedeutung zu äußern, als vom Fenster eines dritten Stockwerks herunter ein Blumentopf ihm auf den Schädel und er in Ohnmacht fiel. Er wurde bewußtlos in die Klinik gebracht, wo er bald wieder zu sich kam, verbunden wurde und als leicht verletzt in der nächsten Stunde entlassen wurde.
Als ich es im Freundeskreis erzählte, sagte einer: „Sieh sieh, wie das sich trifft. Er war mir drei Minuten vorher begegnet und hatte mir errötend anvertraut, er habe sein Portemonnate in seiner Nachttischschublade liegen lassen.“
Finden Sie nicht, daß ich Glück hatte, weil der Blumentopf nicht mir auf den Schädel gefallen war?
Sie sehen also, der Glaube an die Wirksamkeit der Glückskette ist Aberglaube, Jedenfalls mache ich hiermit öffentlich bekannt, daß niemand auf mich als Glied in der Kette rechnen soll. Ich werde unweigerlich alle Briefe in den Papierkorb werfen, zumal wenn mir zugemutet wird, sie auch noch dreimal mit der Hand abzuschreiben. (Autographensammler kommen manchmal auf die verdrehtesten Einfälle.) Wenn ich Briefe schreiben wollte, wüßte ich ganz andere, die mir auf die Finger brennen. Ich habe eine Anzahl meiner besten Freunde verloren, weil ich aus Schreibfaulheit ihre Briefe unbeantwortet ließ, und nun soll ich einem amerikanischen Offizier aus Flandern zulieb ...!
Ne, da muß ich schon sagen, lieber nich!