H. d. G. (Hei de Gusti!) geht in der neuesten Nummer der „Cahiers Luxembourgeois“ als Ährenleser hinter dem Erntefest der Miß Luxemburg einher.
Er sagt, er habe die Aufsätze, die über sie in der luxemburger Presse erschienen sind, „wie Schmetterlinge oder auch ekliche Mottentiere, die vom Licht geblendet leicht einzufangen wären, aufgespießt“.
Finden Sie nicht, daß es ein verruchtes Gefühl sein muß, so mir nichts dir nichts aufgespießt zu werden?
Da hängen wir nun und haben die Wahl: Gehörst du, lieber Leidensgenosse, zu den Schmetterlingen oder zu den etlichen Mottentieren? Da hängen wir nun und zittern leise mit den Flügeln, derweil Gusti über uns die Achseln zuckt und schreibt, die Miß sei ihm Wurst. Was sage ich! Extrawurst. Denn er bäckt sie sich hinterher als Extrawurst.
Nachdem nämlich alle sie gesehen hatten, wäre es banal gewesen, sie auch gesehen zu haben. Er aber will nicht für banal gelten. Also beschloß er, sie nicht gesehen zu haben. Und damit wurde er mit einem Schlag zum Einzelfall. Der Einzige und - nicht sein Eigentum, vielmehr sein Defizit. Der Einzige und sein Defizit. Wo? Wo? fragen die Massen. Wo ist Er, der einzige, der sie nicht gesehen hat? Und er steht auf, steckt die Rechte bis zu den Fingerwurzeln in den Ausschnitt der Weste, hebt den dazu gehörigen Cllenbogen etwa bis in die Höhe des Ohrläppchens, schlägt den Unterschenkel des Spielbeins graziös über den Unterschenkel des Standbeins, wobei nur die Zehen des linken Fußes den Boden berühren, und sagt: Hier! Hier ist Er! Hier bin ich. Philinte ist groß, denn er hat sie gesehen, ich bin größer, denn ich habe sie nicht gesehen! Mein Mitbürger Jampier ist groß, denn er wollte ihr einen „Tausendfrancschein durch das Strumpfband gleiten“, ich bin größer, denn ich habe ihm, sage ich, dafür zwei falsche Zähne eingeschlagen. Gott ist groß, denn er hat die Welt erschaffen (Kunststück! bei den heutigen technischen Hilfsmitteln!). Ich bin größer, denn ich habe die Welt nicht erschaffen. Berthold Schwarz ist groß, denn er hat das Pulver erfunden, ich bin größer, denn ich habe ... oh, Verzeihung, Gusti, das war nicht beabsichtigt.
Also du hast sie, Sie, Sie wirklich nicht gesehen? Wer’s glaubt! Das sagst du bloß so, wegen der Extrawurst. Einerlei, das Faktum gehört auf dein Wort hin der Geschichte an. Du hast sie nicht gesehen. Du Unseliger, du Kalmucke, du JidjiInsulaner! Begreisst du denn nicht, daß es da, da, da grade auf das Sehen und einzig auf das Sehen ankam. Was nützt dir ein Beessteak, wenn du es nicht essen kannst, was Caruso, wenn du ihn nicht hörst, was eine schöne Frau, wenn du sie nie gesehen hast?
Freilich, du darfst auf deine Visitkarten drucken lassen: „H. d. G., Phänomen (Hat Miß Luxemburg nie gesehen).“ Und solltest du einmal sterben, was sogar bei dir vielleicht nicht ausgeschlossen ist, so wird in der Leichenrede zweifellos folgende Stelle vorkommen: „Was ihn aber vor allen Mitbürgern auszeichnete, war die senfationelle Tatsache, daß er Miß Luxemburg nie gesehen hat. Damit hat er den genialsten Akt seines Lebens gesetzt, einen Akt, der sein Andenken auf ewige Zeiten vorm Verblassen oder Verlöschen bewahren wird. (Ehrfurchtsvolles Beifallgemurmel unter den Leidtragenden.)
Und ferne Geschlechter werden an deinem Denkmal (auf dem Heidegustiplatz gegenüber der Arbed) vorübergehen und voller Ehrerbietung die Inschrist lesen:
„Seinem verdienstvollen MitbürgerHei de GustiDas dankbare Vaterland!Er hat Miß Luxemburg nie gesehen.Das war seine Größe, sein Stolz u. sein Ruhm.“