„.... und übrigens,“ fagte Herr Grimmberger, „abgesehen vom sogenannten innern Theaterbetrieb ...“
„Also auch der sogenannte innere Theaterbetrieb ist Ihnen ein Stein de Anstoßes?“
„Gott bewahre, die Herren tun ihr Bestes, es ist vollkommen anerkennenswert, wie sie mit uns den ganzen Kreis dramatischer Möglichkeiten durchmessen von Paris bis Frankfurt, vom Grand Guignol bis Raeine. Das meinte ich nicht, konnte ich nicht meinen. Wir sind eben von den Verhältnissen abhängig. Hier ist der Theaterbesucher nicht in der Lage, selber die Stücke zu wählen; die er sehen will, die Kommission wählt für ihn. Oft ist das ein Vorteil. Wie es ein Vorteil ist, daß manche Frauen ihre Hüte nicht selber wählen, sondern ihre Modistin wählen lassen.“
„Also was wollten Sie nun sagen, abgesehen vom sogenannten inneren Theaterbetrieb?“
„Unter andern dieses. Wir haben - wiederum unter dem Druck der Verhältnisse - Pausen von einer Länge, die jede Stimmung mordet und einem das Theatergehen nahezu ganz verleidet. Der Abend besteht nur aus Pausen, die ab und zu durch zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten Spiel unterbrochen werden. Also sollte die Theaterleitung dafür sorgen, daß sich ihre Kunden in den Pausen nicht die Beine in den Leib stehen müssen. Das tun sie leider. Sind darauf angewiesen. Es gibt freilich und allerdings im Erdgeschoß das sogenannte Foyer, eine dumpfe, feuchte Kaschemme, in der ein Ofen pflichteifrig und schuldbewußt brummt und glüht, als gelte es, wochenlang Versäumtes nachzuhoten, wo es sich unbehaglich steht und noch unbehaglicher sitzt, wo Platz ist, für zwei bis anderthalb Dutzend Gäste, und wohin man noch schwerer gelangt, als an den Nordpol. Der Nordpol ist heute mit einem guten Flugzeug relativ leicht zu erreichen. Das Theatersoyer muß der Besucher mit eigener Muskelkraft gewinnen. Die meisten geben es auf, wie Kanalschwimmer. Auch der Ausgang zur Straße, mit einem Humpen in der „Stuff“ als Perspektive, ist eine Aktion, gegen die der Sturm auf die Spicherer Höhen 1870 ein Spaziergang war.
Seit jüngster Zeit ist es nämlich eingerissen, daß sich vor dem Saal, am Ausgang - oder Eingang, wie Sie wollen - die ganze Belegschaft von den Stalles bis zum Juck während der Pausen staut. Dort rinnt es aus allen Türen und von allen Treppen zusammen, verfilzt sich zu einer undurchdringlichen Masse, wankt und weicht nicht, bis wieder das Klingelzeichen ertönt. Ich stand kürzlich, als sie grade auf der Bühne den besoffenen Russen erdrosselt hatten, im hintern Gang; eine Dame war noch so ergrissen, daß ihr der Unterkiefer schlotterte. „Ich fiele“, fagte sie, „am liebsten in Ohnmacht, wenn ich nur wüßte, ob Sie mich an die frische Lust tragen könnten. Aber es geht nicht. Sie kommen unmöglich durch.“
Ich pflichtete Herrn Grimmberger bei.
„Es müßte“, fuhr er fort, „polizeilich verboten werden, in den Zugängen oder Ausgängen stehen zu bleiben. Die jungen Leute freilich fehen darin keine Beeinträchtigung ihrer Bewegungsfreiheit, wenn sie ins Gedränge geraten. Ich sprach kürzlich mit einem Neffen von mir darüber. Er kniff die Augen listig zu und sagte: Was meinst du wohl, Onkelchen, was wir uns daraus machen, wenn wir durch solch plauderude, seidene, bubiköpfische Weiblichkeit hindurch ein bißchen Crawl schwimmen müssen! - Und dabei zitierte der Frechdachs auch noch Goethe: Und wo man’s packt, sagte er, da ist’s interessant! Und behauptete obendrein, die meisten hätten sogar nichts dagegen. Ich sagte, er gehe zu weit. Da lachte er zynisch. Kurzum, es muß gegen diese Verkehrsunterbindung etwas geschehen. Nachdem für Schauspieler und Direktion entsprechende Räumlichkeiten geschaffen sind, dürfte das Pausenpublikum auch ein Minimum von Komfort beanspruchen. Geben Sie’s weiter. Mor’u!“