Original

23. November 1927

Mit Gewinn liest man ein kürzlich erschienenes Werkchen von Alphons Sprunck, dem jungen Geschichtsprofessor am Echternacher Gymnasium. Es betitelt sich „Essais“ und lehnt sich eng an die Muster der Gattung an.

Der Verfasser sagt im Vorwort: «De nos jours, l’idée que l’étude du passé doit tenir compte des questions importantes de notre époque se répand de plus en plus parmi les historiens .... En tenant compte de ce fait, j’ai esquissé l’historique de certains problèmes actuels, j’ai indiqué les points de vue généraux qui ont servi de base aux penseurs des générations précédentes, voulant donner quelques directives générales à nos contemporains, mais surtout dans l’intention d’indiquer les multiples rapports entre le passé et le présent.»

Durch das ganze Buch gehen Schwingungen von eindringlich empfundenen Zusammenhängen. In einem der Essais wird von der Spenglerschen Geschichtseinteilung gesprochen, die als Maßstab das Verhältnis des Menschen zum Raum annimmt. Nichts tut klarer die Berechtigung solcher Auffassung dar, als die Art, wie in diesem Werkchen Abstand zu den Ereignissen und zugleich Beziehung zu ihnen gewonnen ist.

Der erste Essai handelt von dem Lebenswert Macchiavellis Er steht am Eingang als klassisches Beispiel geschichtlicher Abgeschlossenheit. In dem Maße, wie das Schicksal der Völker aufhört, sich mit dem Schicksal der Fürsten zu identifizieren, und, weiter gesehen, in dem Maße, wie der Staatsmann außer seinem engeren Vaterland Wohl und Wehe einer größeren Gesamtheit, letzten Endes der ganzen Menschheit ins Auge zu fassen lernt, wird das Gedanken-Arsenal des vielumstritteuen Italieners zu einer historischen Waffensammlung.

Nach solchem Auftakt führt uns der Verfasser mitten in die Werkstatt der Geschichte: Sur quelques nouvelles divisions de l’histoire. Er bespricht eingehend die grundlegenden Werke von Karl Lamprecht und Oswald Spengler, zeigt in musterhafter Klarheit das Wesen ihrer Lehre von den Dingen, die für das geschichtliche Werden der Menschheit aufschlußreich sind u. wirksam waren. So erläutert er die Lamprecht’sche Einteilung der historischen Entwicklung an Hand der Entwicklung der bildenden Kunst durch die Jahrhunderte, im weiteren Sinn der Kenntnisnahme des Menschen von seiner eigenen Psyche (mit interessanter Nutzauwendung zum Beispiel auf die französische Revolution). Er skizziert kurz und plastisch die Spengler’sche Parallelifierung zwischen historischem und geistigem Fortschritt, wie zum Beispiel zwischen dem Staat Ludwigs XIV. und der Differentialrechnung, den politischen Formen des Altertums und der Euklidischen Geometrie, der Perspektive in der Malerei und der Besiegung des Raumes durch die moderne Technik. Wie sich der Mensch jeweils zum Naum stellt, ist symbolisch für jeden Zeitabschnitt. Zum Schluß wird kurz auf die Theorie des Wieners Hans Eibl vom europäischen Einheitsstaat hingewiesen.

In dem folgenden Essai: Orient et Occident wird den wirklichen, möglichen und unmöglichen Beziehungen zwischen den zwei Welten: Abendund Morgenland nachgegangen. Der Verfasser kommt zum Schluß, daß Europa von der Einflußnahme Asiens auf seine Kultur deren Krönung erwarten könnte. Hier wie überall gibt das pädagogische Taleut Spruncks, die Quintessenz zu erfassen und klar herauszuschälen, seiner Arbeit den Charakter. Hier tritt auch die Tendenz des guten Luxemburgers zutage, der dem Internationalismus als menschheitbeglückendem Ideal das Wort redet: Die Kenntnis fremder Ideen ist immer eine Erweiterung der eigenen Persönlichkeit. Der Begriff einer einheitlichen Menschheit beginnt sich zu verwirklichen.

Dieselben Vorzüge sind den zwei weiteren Essais: „Russische Vorkriegsideologie“ und: „Über einige zeitgenössische Anhänger der Rassentheorie“ nachzurühmen.

Die meisten Namen, die in den Ideenkämpfen besonders der letzten Jahrzehnte laut erklangen und deren begrifflicher Inhalt für den Laien sich allmählich mehr oder minder verflüchtigt, füllen sich bei der Lektüre dieses Werkchens wieder mit frischer Tatsächlichkeit. Der Verfasser gibt sich erfolgreich Mühe, den geschichtlichen Stoff dadurch zu beleben, daß er durch die gesamte Historie eine gemeinsame Triebwelle legt, an der alle Räder hängen. Man darf ihn zu seiner Arbeit aufrichtig beglückwünschen. (Erschienen bei Jos. Beffort, Collection d’ouvrages luxembourgeois, No. 2.)

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    Katalognummer BW-AK-015-3566