Original

24. November 1927

Sie möchten sicher gern Näheres über das „heilige Trier“ wissen?

So heißt ein neues Buch von Egid Beitz, verlegt bei Benno Filser, Augsburg. 63 Quartseiten Text, 112 Abbildungen außer Text. - brosch. 6 Mk. - Ein greisbarer Beweis, daß deutsche Bücher heute nicht immer unerschwinglich tener sind.

Ein alter Stoff ist in modernem Geist behandelt. Die Darstellung ist im Empfinden unserer Tage von erfreulicher Knappheit. Das weite Gebiet ist gründlich, sachlich und zuverlässig bearbeitet, und über aller Gewissenhaftigkeit, aller Sorge um Bollständigkeit, Wahrheit und Kürze ist doch eine verhaltene Begeisterung, wie Glanz über der Gediegenheit eines Kunstwerks von dauerndem Wert. Solche Bücher stellt man aufs Regal, nachdem man sie zwei- und dreimal gelesen hat, und weiß, man hat einen Freund und Gewährsmann, der einen nicht im Stich lassen wird.

Zur Behandlung kommen die römisch-heidnische, die römisch-christliche Epoche, die zweite Hälfte des ersten Jahrtausends, die romanische und gotische Epoche, die Nenaissance, Barok, Rokoko und Klassizismus, das 19. und 20. Jahrhundert.

In der Hauptsache handelt es sich um Werke der Architektur und bildenden Kunst, und da ergab sich, bei dem religiösen Charakter der meisten und hauptsächlichsten Trierer Altertumsschätze der Titel „Das heilige Trier“ von selbst. Man kann sagen, daß keine der offenen und verschlossenen Sehenswürdigkeiten des cisalpinischen Rom in diesem Werk übergangen ist. Im allgemeinen ist über jede alles Wissenswerte und zuverlässig Belegte kurz und bündig ausgesagt. Was nicht hindert, daß überall zwischen den Zeiten die inbrünstige Anteilnahme an der Sache mitzittert. So wenn der Verfosser auf den Frühling der Gotik in Trier, auf das Brausen des Barok in der kurfürstlichen Residenz zu sprechen kommt, oder wenn er mit verhaltenem Sarkasmus von der Madonna in der Paulinuskirche erzählt, der die Trierer Kunstschuster in jüngster Zeit den Hals abschnitten, und mit leiser Ironie von dem Hundehalsband, das zu einem Nachtgeschirr umgeschmiedet wurde. Das sind harmlose Ausbrüche eines Temperaments, dem wir im Übrigen die lebhafte, hinreißende Art verdanken, in der die Materie übersichtlich verarbeitet und leicht assimilierbar dargeboten wird. Der Verfasser schwelgt geradezu im Wiffen um jenes farbige Kunstleben einer Vergangenheit, die trotz der Schwierigkeiten und Langsamkeiten des Verkehrs dennoch einen regeren internationalen Austausch von Kunstförderung kannte, als unsere Zeit, in der die Kunst brutal von der Politik auf den Schub genommen wird. Unter denen, die Egid Beitz in einem Nachwort als Förderer seiner Arbeit nennt, steht der Trierer Stadtbibliothekar Dr. Kentenich obenan. Auch ohnedies hätte man in dem ganzen Zug der Beitz’schen Darstellung die Art Kentenichs durchgefühlt. Man brauchte nur dabei gestanden zu haben, wie er uns vorm Jahr in der Trierer Stadtbibliothek seine Schätze zeigte.

Im „heiligen Trier“ finden wir da und dort Fäden, die nach uns herüber reichen. Vom kostbaren Reliquiar von St. Matthias wird erzählt, daß es „mit Kelchen, Büchern und andern Wertstücken des Klosters in einem heftigen Streit bei der Bischofswahl nach Meisenburg und Falkenstein in Luxemburg entführt wurde.“ (Unsern Klosterschätzen, die nach auswärts kamen, ging es nicht so gut.) Elisabeth von Görlitz, Karl der Kühne und die Abtei Maximin, deren Schirmherr er als Herzog von Luxemburg war, Kaiser Heinrich VII. und sein Bruder Balduin als Chorstuhlwangen in St. Gangolph, mit braven Gesichtern von luxemburger Zwillingsbrüdern und andere geschichtliche Erinnerungen spuken in dem „heiligen Trier“ und machen uns das Buch besonders wert.

Ein Wort über die drucktechnische Anlage und den Bilderschmuck.

Der Inhalt ist je und je in knappe Stichworte gefaßt, die den Text am Rande begleiten. Dadurch wird nicht nur die Auffindung einer bestimmten Stelle erleichtert, man kann mit Hilfe dieser Merkworte den ganzen Inhalt in einer halben Stunde rekapitulieren.

Die Bilder nach photographischen Aufnahmen sind hervorragend durch Schärfe und Relief wie durch geschmackvolle Wahl des Standpunkts und Ausschnittes. Das Innere von Liebfrauen zum Beispiel ist mit der malerischen Überschneidung der Säulen ein entzückendes Bild, der Allerheiligenaltar von Hans Rupprecht Hoffmann könnte nicht malerischer und plastischer herauskommen.

Zusammenfassend: Dies Buch ist ein kostvares Dokument, das mit feurigen Zungen redet. Wer für Geschichte und alte Kunst Sinn hat, wird es besitzen wollen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3567