Vielleicht sind Sie ein gewiegter Schachspieler. In diesem Fall werden Sie das Nachstehende frivol finden und ich bitte Sie in meinem eigenen Interesse, das Blatt umzuschlagen und lieber zu lesen, was es morgen für Wetter wird oder wie sich die belgische Ministerkrisis weiter entwickelt hat.
Ich habe vom Schachspiel nur einen sehr unklaren Begriff. Mein Vater spielte es leidenschaftlich und zog mich, als ich das Alter der Vernunft erreicht hatte, gern zu einer Partie heran. Das war meinerseits nicht beabsichtigt. Ich zog die Spiele in freier Luft und mit meinen Altersgenossen männlichen und weiblichen Geschlechts dem Schach vor. Trotzdem mußte ich es lernen. Ich begriff allmählich, wie die einzelnen Figuren hießen, wie sie sich bewegen durften und wie sie andere Figuren schlugen. Ich erinnere mich indes nicht, jemals eine besondere Leidenschaft für das Spiel empfunden zu haben. Mein Vater verzichtete auf meine Partnerschaft an dem Tag, wo er entdeckte, daß ich ihm heimlich seine Figuren verrückte, um ihn auch einmal schachmatt setzen zu können. Damals sagte er, ich werde am Galgen oder mindestens doch im Zuchthaus endigen.
Seither pflog ich meines Erinnerns nie mehr dieses seßhafte Spiel. Erstens weil ich sah, daß meine Freunde, die es nach dem Essen im Cafehaus zu spielen pflegten, davon einen roten Kopf und einen ränkefüchtigen Charakter bekamen - kein Wunder bei einem Spiel, das im gegenseitigen Auflanern sein höchstes. Ziel und seine höchste Vervollkommnung sucht. Zweitens, weil dies ein Spiel ist, bei dem die Königin viel mehr zu sagen hat, als der König. Mir als Mann mußte das wider den Strich gehen. Wie, da ist also dieser sogenannte König, trägt die Krone, überragt alle andern und darf sich keine zwei Schritt vom Fleck rühren, muß sich gefallen lassen, daß alle Untertanen seines Rivalen aus allen Windrichtungen und Entfernungen auf ihn zielen und ihm nach dem Leben trachten, am tollsten die Frau besagten Rebenbuhlers! Und er darf sich nicht wehren, muß sich fortwährend hinter seiner Frau oder einem seiner Untertanen verstecken, darf höchstens, wenn ihm dazu die seltene Gelegenheit geboten wird, einem allzu zudringlichen Gegner auf Beinlänge einen Fußtritt versetzen, und muß im übrigen warten, bis er gesagt bekommt, jetzt sei er abgetakelt.
Unter folchen Verhältnissen begreift jeder, daß ich meine freie Zeit nicht mit der Lösung von Rösselsprüngen zubringe und keinen Anspruch darauf erhebe, mich mit Herrn Lasker oder auch nur mit Freund Seimetz zu messen.
Dahingegen kommt es vor, daß ich manchmal im Cafehaus einer Partie zusehe. Ich verfolge sie nicht selten mit gespanntem Interesse und finde es immer sonderbar, daß die Spieler nie die Züge machen, die ich für die einzig richtigen gehalten hätte.
Kürzlich frug mich ein Fremder, der mir gegenüber saß und dieselbe Partie als Kiebitz verfolgte, ob ich Schach spiele.
Ich sagte, ich kenne das Spiel vom Zusehen, ich wisse, wie sich die Figuren bewegen, vermesse mich aber nicht, gegen jemand anders, als meine vierjährige Nichte als selbständiger Spieler aufzutreten. Der Herr sagte, er kenne das, das seien die Heimlichen, die immer so tun, als ob sie keinen Springer von einem Turm unterscheiden könnten. Meine beiden Bekannten, die in ihr Spiel vertieft waren, lächelten wissend zu meinen Worten und der Fremde erblickte darin eine Bestätigung seiner Vermutung. Er ließ mich nicht mehr aus, bestellte beim Kellner ein Schachbrett und stellte die Figuren auf. Ich mußte wohl oder übel an die Gewehre.
Gleich mein erster Zug verblüffte ihn. Ich will roter Klaus heißen, wenn ich noch weiß, wie ich angezogen hatte. Beim dritten Zug nahm ich ihm die Königin weg, indem ich, ohne es zu ahnen, meine eigene nach drei Seiten bloßstellte, aber er vermutete eine Falle und es dauerte reichliche zehn Minuten, bis er die Konsequenzen zog. Ich kannte kein Mitleid, schlug alles, was sich mir tu den Weg wagte, ohne mich lange zu besinnen. Mein Gegner war offensichtlich demoralisiert. Er sprach von einer ganz fremdartigen Technik, die er bei mir konstatierte, und als er wieder einmal zehn Minuten brauchte, um meinen zweiten Turm zu nehmen, den er mit einem Läufer, einem Springer und einer andern Figur nehmen konnte, deren Name mir entfällt, da sagte ich, ich bedauerte, ich hätte eine kleine Rebenbeschäftigung und müßte mich empfehlen. Auch er sagte, er bedauerte, es habe ihn sehr stark interessiert, eine so originelle Methode kennen zu lernen.
Sollte ich ihn wieder treffen, so werde ich ihm lieber eine Partie Schwarzer Peter vorschlagen.