Wie wäre es, Gnädigste, wenn wir eine Parole ausgäben?
Welche Parole? meinen Sie.
Die Parole: Rosen!
Wir heißen in der ganzen Welt die Stadt der Rosen. Eigentlich merkt man wenig davon.
Wir haben eine Rosenstraße. Aber wo sind darin die Rosen? So viele Rosen, daß die Straße darnach heißen muß?
Wir könnten eine Rosenstraße haben, die den Namen verdient.
Wir haben auch eine Fliederstraße, in der sich der Flieder nicht so breit macht, daß eine Straßenbenennungskommission ihn nicht übersehen könnte.
Aber bleiben wir bei den Rosen.
Man braucht nicht eine besondere Straße im Auge zu haben, um folgende Betrachtungen anzustellen.
Irgendwo im Städtebild gibt es einen Straßenzug, an dem sich die Villen mit Vorgärten aneinander reihen. Sie können ihn sich im Weichbild oder an der Peripherie, im Osten oder im Westen denken. Wir haben’s ja.
Die Besitzer dieser Villen legen ihren Stolz darein, ihre Vorgärten so schmuck zu halten, wie möglich. Sie bezahlen einem Gärtner schweres Geld, damit er ihren Rasen pflegt, ihre Stauden fleißig beschneidet, im Herbst die Rosen einlegt oder ihnen Kapuzen von schwarzem Wachstuch anlegt, ihre Beete farbig bestellt, ihre Gitter mit Grün und Blumen durchrankt.
An ihnen vorbei hat der Staat, in Gestalt der öffentlichen Bauverwaltung, für das faubere und möglichst anmutige Aussehen der Straße zu sorgen.
Er greift in der Regel zum Mittel der Alleebäume.
Dies ist nun ein ganz heikles Kapitel.
Alleebäume, die im freien Feld ihren Mann stehen, Schatten geben, bei Nacht und Schneewehen dem Wanderer und Chauffeur den Weg weisen, können in der Stadt unter Umständen hanebüchen wirken. Ein Baum kann städtisch und kann ländlich aussehen, grade wie ein Mann im Smoking oder im Kittel. Wir haben an einzelnen Boulevards oder Avenüen zum Beispiel noch Ulmen stehen, deren Standort eigentlich, ihrem Namen nach, draußen in Wald und Feld und auf Bergeshöhen sein sollte. Daher der Name Ulmus montana. Sie wirken am Rand städtischer Straßen ungesähr so, wie Eichen oder Buchen. Bon Bäumen hat ein Dichter gesagt, sobald sie über ein gewisses Alter hinaus sind, haben sie Aufpruch darauf, daß sie überhaupt nicht mehr umgehauen werden, sondern eines natürlichen Todes sterben dürfen. Solche Ulmen gibt es in unserm Stadtpark, oder zum Beispiel am Äußern Ring in einzelnen Privatgärten, wo sie als Überbleibsel einer Allee stehen bleiben dursten, die schon auf Jahrhunderte alten Bildern zu sehen ist.
Aber ihre jüngeren Kameraden sind weniger ehrwürdig und weniger schön. Sie sehen es übrigens selbst ein und drücken sich einer nach dem andern, indem sie vom Wipfel herunter vertrocknen.
Für uns kommt es darauf an, daß wir mit allen Mitteln aus Luxemburg eine Stadt machen, die das Prädikat schön herausfordert, nicht nur in dem, was die Natur für sie getan hat, sondern in allem ergänzenden Menschenwerk.
Erstes Petitum also: Ersetzung aller ungeeigneten Straßenbäume durch solche, die den Stadtcharakter im besten Sinn betonen und unterstreichen.
Dann kommt die Mitwirkung der Bürgerschaft, und da soll, Gnädigste, unsere Rosenparole Wunder wirken. Das Wunder der hl. Elisabeth von Thüringen. Unsere Stadt soll den Schoß auftun und eine nie gesehene Rosenpracht soll hervorquellen. Durch die Gitter der Villengärten soll es quellen von Rosen, über den Beeten sollen sich die üppigen Köpfe der Rosenstöcke wiegen, jeder Fremde, der da vorbeigeht, soll nachhaus schreiben, daß er solche Pracht noch nirgends gesehen hat. Den Ruf, daß wir die Stadt des Drecks sind, sollen wir durch eine Sintflut von Rosen Lügen strafen. Die Stadt soll damit den Anfang machen, das lange Gitter der Schule am Königsring zum Beispiel soll sie mit. Rosen durchflechten, um die nackte Prosa des Schulhofs, der nicht viel besser, als ein Kasernenhof ist, rot und weiß und gelb zu überblusten. Einen Rosentag soll sie einführen, an dem der Schöffenrat in offenen Wagen durch die Stadt fährt und dem schönsten Rosengarten den Preis zuspricht.
Man muß etwas aus sich zu machen wissen, meinen Sie nicht auch, Gnädigste?
Übrigens, die Idee ist nicht von mir, sondern von einem alten Freund, der seinen Villengarten nicht minder zärtlich hegt, als seinen Keller, der alle Pflanzen um sein Haus mit ihren lateinischen Namen kennt und ohne weiteres bereit wäre, sich als aktives Mitglied an die Spitze eines Villenvorgartenverschonerungsvereins zu stellen.