„Eindrücke!“ sagte Herr Grimmberger. „Eindrücke wollen Sie haben! Genügt Ihnen die Straße nicht? Das Leben? Der bunte Alltag? (Weiß Gott - zwischen Klammern - ich rede deutschen Aufsatz.) Ich dächte doch, was Ihnen so sekundenweise massenhaft über den Weg läuft ...“
„Immer dasselbe!“ sagte ich blasiert. „Immer dieselben Autos, dieselben Mädels, dieselben Beine, dieselben Männer, die ins Büro gehen oder vom Büro kommen, dieselben Elektrischen, Kindermädchen, Bäckerjungen, Lastwagen, kurzum alles, woraus sich der moderne Stadtverkehr unwandelbar zusammensetzt. Wenn wir hier noch ein wenig auf- und abgehen, erleben wir vielleicht einige Abwechslung, dann kommen die Militärmusiker und ihre Zuhörer vom Konzert am Paradeplatz, zwei, drei Minuten lang steigert sich die Verkehrsflut auf ein bunteres Maximum, dann gähnt wieder das alte Einerlei - wie ein Krokodilmaul, in dem Vögel nach Insekten stochern.“
„Gehen Sie mit mir, ich stelle Ihnen Erlebnisse in Aussicht. Kein Erdbeben, keinen Start zu einem Amerikaflug, keinen Boxmatch Dempsey-Tunney, nicht einmal einen Empfang von Kriegsverstümmelten oder eine Brückeneinweihung. Ich weiß überhaupt nicht, was wir erleben werden, aber was es auch sei, es wird Ihnen Mannah sein nach dem schalen Einerlei, über das Sie sich beklagen.“
Ich schloß mich ihm an. Er führte mich den Grundberg hinunter, über die Schleuse an der Schwimmanstalt, die Treppe nach dem Rham hinauf, die Höhe nach Fetschenhof hinan.
Gleich auf dem Schleusenbrückchen hatten wir unser erstes Erlebnis. Ein alter Herr begegnete uns. Er trug eine in drei Teilen zusammengelegte Angelgerte unterm Arm und biß in ein Brötchen.
„No, wie war’s denn mit dem Anbiß?“ frug ihn Herr Grimmberger.
„Kein Schwanz,“ sagte er. Ich empfand direkt eine tiefe Sympathie für den alten Herrn. Er hatte ein gemütliches, luftgerötetes, sonntäglich glatt rasiertes Gesicht, die Vormittagsfrische trieb ihm das Wasser in die Augen.
„Oh, es sind noch Fische da,“ sagte er in einem Ton, der durch seine Zuversichtlichkeit seinen Optimismus entschuldigen sollte. „Mönen, Rotaugen, Brachsen ...“
„Vielleicht auch Karpfen und Aale?“
„Nein.“ Er wurde wärmer. „Die gibt es hier nicht.“
„Und dort unterm Wehr, da müssen doch ... wo Futter antreibt ...“
„Ja, da war ich auch. Es sind nur Giwen und Dreckspänze.“
Grimmberger sah mich herausfordernd an. „Was sagen Sie zu dem Erlebnis?“ frugen seine Blicke.
Da ging es mir auf. Wahrhaftig, hier, fünfzig, hundert Meter von der Stelle, wo das Wasser für alles Getier außer Ratten zum Inferno wird, da trägt einer seine stille und geduldige Hoffnung herum, wirkt die Fiktion klarer Bäche und reiner Lüfte, bringt seinen Optimismus zuversichtlich bis an den Stank heran, wo alles Leben in Fäulnis endet!
Wir gingen weiter. Aus einer Kellertür herauf tönte Gefang einer Mädchenstimme.
„Sie holt Kartoffeln für heute mittag,“ sagte Herr Grimmberger.
Sie sang etwas von „mon pauvre cœur“ und „mon amour“ - „toujours“.
Ach nein, Herr Grimmberger, sie holte keine Kartoffeln im Keller, sie war mit ihren Gedanken auf den blumigen Gefilden, wo es hell ist vor Frühlingssonne mitten im Keller und mitten im Winter, wo die Kartoffelprosa des Werktagslebens überstrahlt wird von dem Glanz des Dreigestirns aller Zwanzigjährigen: Glaube, Liebe, Hoffnung! Recht haben Sie, Herr Grimmberger, ich habe etwas erlebt. Der alte Fischer und die junge Sängerin, sie leben hoch!