Pangloß und Philinte haben, wahrscheinlich aus einem beruflichen Pflichtbewußtsein heraus, gegen unsere Besprechung der letzten RacineAufführung im Stadttheater ihre Bedenken kundgegeben.
Philinte tut es, indem er mit feiner geschichtlicher Einfühlung und wohltuender Kürze und Bestimmtheit das Wesen der Racine’schen Tragödie kennzeichnet und ihren Zusammenhang mit der tonangebenden Welt jener Zeit betont. Er gibt uns stillschweigend recht, wenn wir mit dem Ungestüm enttäuschter Erwartung forderten, man soll uns Stücke spielen, die die Nöte und Triumphe, das Verfallen und Keimen der Gegenwart spiegeln.
Er meint zum Schluß, zum Verständnis der Racine’schen Meisterwerke gehöre unendlich mehr Anstrengung, als die sprunghaften Plaudereien und Filmschauspiele, also die meisten modernen Bühnenstücke beim Zuschauer voraussetzen.
Da haut Philinte daneben. Es handelt sich nicht um das Verständnis, sondern um den Genuß. Man kann ein. Stück sehr wohl verstehen und sich doch darin langweilen. Und wenn die meisten modernen Bühnenstücke leichte Ware sind, so sind sie es doch nicht alle, und wenn man, wie wir, auf eine Auswahl angewiesen ist, sollte man eben das Beste wählen, soweit es erreichbar ist, und auf Lückenbüßer verzichten, die nur bewirken, daß sich das Publikum am Theater verekelt und dem Kino zugetrieben wird.
Pangloß packt die Sache etwas hanebüchener an. Er erinnert sich, daß er als Pennäler eines Tages mit einem Freund den ganzen alten Tragödienplunder von Racine und Corneille zum alten Eifen warf, weil er ein blutrünstiges Stück von Sardou gelesen hatte. Nur da sei Handlung, beschlossen die beiden, wo Bewegung ist, Lärm, Gehopse, Augenrollen, satanisches Grinsen, Getöse und Waffenklirren, wahnsinniges Gestikulieren, gellende Stimmen, Flüche, Röcheln, Brüllen.
Und Pangloß meint, so ungefähr sei auch unsre Auffassung von den Aufgaben der modernen Bühne.
Man kennt Pangloß als tiefen Denker und wundert sich um so mehr über die Oberflächlichkeit dieser Betrachtungen. Er wehrt sich zum Beispiel auch dagegen, daß Racine die Schaubühne als moralische Anstalt im Sinne Schillers aufgefaßt habe. Pangloß möge einmal bei Schiller nachlesen (Cotta’sche Ausgabe von 1838, Bd. 10, S. 69), so wird er finden, daß „moralisch“ dort, und folgerichtig auch bei Racine, etwas anders auf- gesaßt wird, als von Beichtvätern und Mädchenpensionatsvorsteherinnen.
Pangloß scheint noch heute die Schuld an der Langweile, die das alte Theater ausströmt, in der Hauptsache den drei Einheiten: Zeit, Raum, Handlung, beizumessen und die Rettung der Bühne im Geräuschvollen, Grenzen- und Maßlosen zu erblicken. Da müssen wir uns von ihm trennen. Es ist sehr wohl möglich und nicht einmal so gar schwer, ein modernes Drama mit wuchtiger Wirkung im Rahmen der drei Einheiten und mit durchaus bescheidenem Stimmaufwand zu schaffen. Man braucht sich nur an den ersten Satz der mehrerwähnten Schiller’schen Vorlesung zu halten: „Ein allgemeiner unwider„stehlicher Hang nach dem Neuen und Anßer„ordentlichen, ein Verlangen, sich in einem leiden„schaftlichen Zustande zu fühlen, hat, nach „Sulzers Bemerkung, der Schaubühne die Ent„stehung gegeben.“
Nur daß die Leute, die zur Zeit Racine’s das ausschlaggebende Publikum waren, vom Neuen, Außerordentlichen, vom leidenschaftlichen Zustand einen andern Begriff hatten, als die Demokratie von heute, von der das Theater leben muß, und auch als die Theaterbesucher der Zeit, in der „Die Räuber“ und „Wilhelm Tell“ entstanden sind.
Das trifft den Kernpunkt. Als Racine für die Bühne schrieb, war das Theater eine Hofangelegenheit, abhängig von Gunst und Geldbeutel des Fürsten.
Heute ist das Theater ein Geschäft, das sich gegen eine Konkurrenz auf Tod und Leben durchsetzen muß. Es muß deshalb die Witterung der Zeit nehmen, muß ihr Spiegel und ihr Herold sein. Für beschauliches Hineinversenken in die psychologischen Wirrungen einer Zeit, die nicht einmal ihre eigenen, sondern fremde Konflikte aus entlegenen Jahrhunderten und Ländern zu leidenschafter Aufregung brauchte - dafür besteht heute kein Bedürfnis. Ein Theater, das nicht davon ausgeht, kommt notgedrungen unter die Räder. Das Kino verdrängt das Theater, weil es demokratischer ist und ein unmittelbareres Verhältnis zu allen modernen Wirklichkeiten hat. Darum muß das Theater, um nicht verdrängt zu werden, seine Besonderheit, die es vom Kino unterscheidet, mit Demokratie und Wirklichkeit durchdringen. Nicht im Hinabsteigen, sondern im Heraufziehen.