Original

1. Dezember 1927

Der schlimmste Sklave der Großstadt ist der Schauspieler.

Sie köst ihn mit verdoppelter Grausamkeit von den Wurzein des Seins, von der Natur, und macht aus ihm eine Konserve, ein Kunstprodukt.

Die einen erblicken darin den Zweck ihres Daseins, ihres Wesens letzte Erfüllung.

Die andern wehren sich dagegen mit der Angst und der Entschlossenheit, die aus gefundem Erhaltungstrieb aufspringen. Dem Trieb zur Erhaltung nicht nur ihrer Persönlichkeit, sondern auch ihrer Kunst.

Zu diesen gehört Jacques Copeau, der geniale Gründer des Vleux-Colombier in Paris. Er fühlte die Zermürbung, die von dem unablässigen Hochdruck an Leib und Seele drohte, und flüchtete mit seiner Gesellschaft in den Teil Frankreichs, in dem es sich am reichsten und farbigsten, am nächsten am Schoß der Mutter Erde leben läßt: Nach Burgund. Da lassen sich die leeren Nervenbatterien am besten auffüllen, da ist Antäos zuhaus. Da ist Wein und Brot, da sind Bauern nach dem Herzen Gottes, derb und schlan, gesund und genußfroh. Da hat man seit Jahrhunderten getrunken und sich betrunken, und dem lieben Herrgott Kirchen gebaut, die schönsten der Welt, um Verzeihung für die Sünde des Suffs zu erlangen. Das ist der gesunde, lebensgierige Humor des Sganarelle, der sein Weib prügelt, seine Flasche anhimmelt, aus einem ausgelassenen Abenteuer ausgelassen die derbsten Konsequenzen zieht und dann, wo es ihm an den Kragen gehen soll, gutmütig schlau zu feilschen beginnt: Ob es nicht mit einer Tracht Prügel abzumachen wäre?

Jacques Copeau hat also sein Theater aufs Land verlegt. In einem Dörschen bei Beanne wohnt er mit seinen Genossen. „Réunis par l’amour de leur métier, des goûts et un idéal communs, lom de l’agitation de la capitale, les „Copiaus“ ont l’ambition de doter d’un théátre régional la Bourgogne, où ils sont déjà populaires.“

Allerhand Klares und Dunkles, Bewußtes und Unbewußtes regt sich in diesem originellen Unternehmen. „Los von den Stadten!“ klingt daraus eine Losung. „Zurück zu den Quellen!“ Das deutet in verschiedene Richtungen. Man versteht, daß eine Schöpfernatur, wie Copean, des seclischen Stoffes überdrüssig, in den die städtischen Theaterkonsumenten seine Offenbarungen empfingen, enttäuscht vielleicht durch einen Unverstand, der durch Unzulänglichkeit wie durch Überspitztheit verschuldet war, es wieder einmal mit der jungfräulichen Psyche der Kultursäuglinge eines Dorfmilieus versuchen wollte. Aus solchen Wegen muß man ihm nachgehen, um ihn zu verstehen. (Dem Personal und den Gästen der „Arbed“ war am Dtenstag abend dazu Gelegenheit geboten. Gespielt wurde „L’Ecole des Maris“ und „Le Médecin malgré lui“, mit Copeau als Sganarelle in beiden Stücken.)

Copeau geht davon aus, daß es eine Verfündigung an Molière wäre, seine Stücke heute noch reatistisch zu geben, Das Nealistische darin ist verstaubt und vermodert. Nur durch stilisierte Bildhaftigkeit ist ihnen für unser Empfinden beizukommen. Copeau macht also daraus Bilderbogen etwa im Stil der kürzlich hier erwähnten Entwürfe von Bakst zu dem Farbentaumel der Ballets von Dighialew. Er mußte daher selbstverständlich bei der Farbe aufangen. Dementsprechend war die Szene in beiden Stücken in jedem Augenblick ein Gemälde von bestrickendem Neiz. Nicht nur farbig, auch in den Stellungen und Bewegungen in die Sphäre von Ewigkeitswerten gestellt. Daß Schranken des Herkommens, des Normalgeschmacks durchbrochen werden, versteht sich am Rand.

Da das Ganze schon der Parole „Stilisieren“ unterstand, war es gegeben, daß das Charakteristische überall plastisch, kubistisch, übertrieben im Naum stehen mußte. Das tat es, im ersten Stück wie im zweiten, jedesmal dem besondern Milieu entsprechend. Besonders im „Médecin malgré lui“ feierte die unbändige Gestaltungskraft Copeaus, seine rabelaisianische Wucht, seine nie versagende Technik Triumphe. Als er am Schluß inmitten seiner Kameraden dankte, halte sein Kopf etwas unheimlich Monumentales, Überragendes, er war, vom brausenden Blut fast gesprengt, eine ergreifende Typisierung des kraftstrotzenden, erdnahen, unverbrauchten Urmenschtums, wie es in den Schichten lebt, denen Sgauarelle entstammt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3573