Original

2. Dezember 1927

Lieber Sepp! Gestatte, daß ich Dich als Schiedsmann in einer literarischen Fehde anrufe.

Am Samstag schrieb in der „Indépendance Luxembourgeoise“ ein Herr Pangloß einen Artikel, in dem er erzählte, er habe als Tertianer mit einem Freund sich u. a. folgendermaßen über die klassischen französischen Dramen ausgelassen:

„Comment veut-on que notre imagination trouve â se satisfaire au milieu de ces sèches abstractions qui se meuvent avec une si exaspérante, rigidité dans le cadre étriqué des trois unités? Il n’y a de drame que là où il y a de la vie et de l’action. Or, il n’y a d’action que là où il y a du mouvement, de la trépidation bruyante, des roulements d’yeux, des rictus sataniques, du tintamarre ou du cliquetis d’armes, des gestes forcenés, des éciats de voix, des jurements, des râles, des vociférations.“

Und gleich darunter:

„Vous me demandez pourquoi je réproduis une tirade qui n’est qu’un tissu d’hérésies littéraires. C’est que ces jours-ci j’en ai retrouvé un écho étonnamment fidèlo dans le compte-rendu que publia la Luxemburger Zeitung de la représentation de «Bajazet» au Théâtre Municipal.“

Dieser Theaterreferent der „Luxemburger Zeitung“ ist ein guter Freund von mir, vielleicht der beste, den ich habe. Ich kenne seine Ansichten über das Theater so genan, daß ich ihn durch obige Gegenüberstellung nicht ungerochen verletzern lassen konnte. Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden. Und ich schrieb andern Tags, Pangloß scheine noch heute die Schuld an der Langweile, die das alte Theater ausströmt, in der Hauptsache den drei Einheiten: Zeit, Naum, Handlung beizumessen und die Rettung der Bühne im Geräuschvollen, Grenzen- und Maßlosen zu erblicken.

Diese Auffassung vom Standpunkt des Herrn Pangloß ließe sich vertreten, aber da bräuchte es allerlei Spitzfindigkeiten, mit denen wir unsere Leser verschonen wollen. Faß es vorläufig ganz einfach als Retourchaise auf.

Herr Pangloß aber verlor über dem Gegenhieb den Humor und schrieb zurück: „Le critique de la Luxemburger Zeitung insinue, par une perfidie qui n’échappe à personne, que Pangloss est. encore aujourd’hui plongé dans les puérnes erreurs de son adolescence.“

Also andern dichtet er gratis seine eigenen kindlichen Ketzereien an, und wenn ihn sein Bumerang retour an den Schädel trifft, redet er von Perfidie.

Du sollst diesen Herrn Pangloß näher kennen, sagen sie. Alsdann, lieber Sepp, wäre es nett von Dir, wenn Du ihm beibrächtest, daß er das von der Perfidie lieber nicht hätte schreiben sollen. Denn wer sich ärgert, dem geben die Leute Unrecht.

Um meinen Freund, unsern Theaterkritiker, in Sachen Racine auf den Esel zu setzen, veröffentlicht Herr Pangloß eine Zuschrift, die ihm ein Schüler des Athenäums hat zugehen lassen und deren Verfasser sehr vernünftige Ansichten vom Leben im Allgemeinen und von Racine im Besondern hat. Ich will nur zwei Sätze anfübren: „Nous ne savons encore rien de la vie, ou presque, Mais nous avons tous la curiosité d’y pénétrer et de sonder cet abime. ce, mystère qu’est l’áme humaine.“ ,... „Nous aimons Racme ... nous sommes encore épris d’Idéal et de Beaute, nous, les Jeunes.“

Wir Alte auch, das bitte ich diesen jungen Mann zu glauben. Trotzdem wir Ideal und Schönheit anderswo suchen, als bei Racine, trotzdem wir fühlen, daß die lebendige Wirklichkeit und die Menschen unserer Zeit uns heißer beanspruchen, als tönende Schemen vergangener Jahrhunderte.

Ich weiß mich darin einig mit Zeitgenossen, die nicht erst ins Leben blicken. Aus Deinen Kollegenkreisen sogar, lieber Sepp, ist meines Wissens unserm Theaterrezensenten wegen seiner Stellung zur „Bazajet“-Aufführung Beifall gezollt worden.

Also sei so gut und bringe diesem Herrn Pangloß bei, daß er sich künstig etwas kommangmäßiger benimmt.

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    Katalognummer BW-AK-015-3574