Die Bilder gingen von Hand zu Hand um den Tisch herum. Man sah darauf einen jungen Mann im Sommeranzug, den Strohhut auf dem Kopf, bald an eine Rhamsesstatue, bald an eine Tempelsäule gelehnt, in Begleitung eines andern jungen Mannes, der einen Fes trug und ein Gewand, das sich unverändert aus den Zeiten der Bibel dort herum bis auf den heutigen Tag erhalten hat. So ähnlich mag der Mantel ausgesehen haben, den der keusche Joseph in den Händen der Frau Putiphar zurückließ, als sie ihm untensche Anträge stellte. Auf einigen Bildern sah man auch einen Schlangenbeschwörer, der seinerseits der Familie Aarons entstammen mochte, denn eine Schlange, die er am Schwanz faßte, straffte sich einem Stab gleich in die Höhe.
Alle diese Bilder sind in den ägyptischen Tempelruinen von Karnal aufgenommen. Der sunge Mann im Strohhut ist ein junger Luxemburger, der trotz seiner Jugend weitgereist und füngst Direktor des großen Hotels von Luxor geworden ist. Sein Vater saß in bescheidenem Stolz dabei und tat, als ob das von seinem Sohn ganz selbstverständlich sei, daß er die glänzende Karriere gemacht hat: Scheweningen, BadenBaden, Rom, Genna, Lido usw. Und fand es sonderbar, daß nicht viel mehr junge Luxemburger sich diesem Beruf widmen, der wie keiner dazu angetan sei, ihnen die Wunder der Welt in jeder Beziehung aufzuschließen.
Er hat recht.
Paul Eyscheu sprach eines Tages das große Wort gelassen aus: Warum trachten unsre jungen Leute alle nach Beamtenstellen, wo ihnen doch die weite Welt offen steht? Ihnen allen rufe ich zu: Hinaus!
Auch er hatte recht.
Damals mundeteu, noch mehr, als heute, alle Wünsche der Jungen in das Wort: Affekot! Ich sage nicht Advokat und nicht Rechtsanwalt. Das ist nicht dasselbe, wie „Affekot“. (Es wurde damit so viel Mißbrauch getrieben, daß daraus schon „Affekeetche“ geworden ist.) Es war das Sprungbrett, von wo aus der junge Mann seine Wahl treffen konnte: In die Verwaltung, in die Magistratur, in die Industrie, in die Finanz, ins Privatleben, in eine glänzende Partie, ins Geschäft usw. usw. Es war zur Schablone geworden. Es war „der Beruf“. Der Arzt, der Ingenieur, der Kaufmann, der Professor gar waren immer nur Outsider. Wenn einer das und nicht „Affekot“ wurde, war es etwa so, wie wenn einer in München Dortmunder Bier trinkt. In dies Vorurteil hinein soll man nun der männlichen Jugend raten, Hoteldirektor zu werden.
Ja, wenn einer gleich vom Examen weg mit einem Diplom als Dr. jur. zum obersten Leiter eines Palace berufen werden könnte, das ließe sich hören, das würde nicht einmal alle reichen Erbinnen abschrecken. Aber bedenken Sie, solch ein Posten will von der Picke auf erklommen werden. Selbstverständlich. Denn in dies verwickelte Getriebe, in dem sich Bedienstete aller Art, Portiers, Hausknechte, Stifte, Kellner, Oberkellner, Stubenmädchen, Köche, Chauffeure, Lieferanten und dazu die ganze gesellschaftliche Skala der Gäste, vom Hochstapler bis zum inkognito reisenden Fürsten durcheinander bewegen - in dies bunte Chaos sieht nur derjenige klar und deutlich hinein, der es von unten herauf durchschaut, der darin langsam, Stufe um Stufe in den Jahren emporgestiegen ist, in dem sich dem Hirn und Herzen alles deutlich und dauernd einprägt.
Wer aber einmal oben steht, der kann sagen, er steht an der Stelle, wo der Strom am rauschendsten und belebtesten strömt. Nicht an der Stelle, sondern an den Stellen. Denn ihn führt, wenn er will, sein Beruf durch die ganze Welt. Er ist der Reichste, denn er nimmt von der Erde am umfangreichsten Besitz. Sein Wissensschatz besteht aus den allerlebendigsten Werten, aus Menschenkenntnis und aus gründlichem Wissen um alles Gute und Schlechte, um alle Stärken und alle Schwächen der Kostgänger des lieben Herrgotts.
Also Misch, werde Hoteldirektor!